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Elisabeth Reuter: Edmond Jabès/Yukel  

L'ABSENCE (2006-2008)

Elisabeth Reuter: Jabès/Yukel


Aufnahmen von verschiedenen Kompositionen (Studien) zu "L'Absence":

mp3 Ausschnitt aus "de Yukel à Sarah"  (Ensemble "Accroche Note"; Ltg.: Armand Angster)    

mp3 Ausschnitt 1 aus "Le chiffre 4"  (Ensemble des CNSM de Paris; Ltg.: Leonard Ganvert)    

mp3 Ausschnitt 2 aus "Le chiffre 4"  (Ensemble des CNSM de Paris; Ltg.: Leonard Ganvert)    

mp3 Ausschnitt aus "Interludien"  (Ensemble "Klangexekutive"; Ltg.: Tammin J. Lee)    

mp3 Ausschnitt aus "cherchée-cherchais"  (Tomasz Wija, Bariton und David Santos, präpariertes Klavier)    


Programmtext

Auftragswerk der Musikakademie Rheinsberg und der Münchener Biennale

1912 als Jude in Kairo geboren, musste Edmond Jabès 1957 (während der Suezkrise) Ägypten verlassen und emigrierte nach Paris, wo er bis zu seinem Tod 1991 lebte und arbeitete. Seine Schriften stellen im höchsten Sinne Avantgarde dar, er verwendet absolut eigene und neue Formen – wie etwa die Auflösung der Erzählstruktur etc. – gleichzeitig bewahren seine Texte eine Anschaulichkeit, eine spezielle emotionale Dichte und Nähe. Sie sind kryptisch, aber nicht distanziert oder abstrakt, sondern in ihrer Poesie zutiefst menschlich. Le Livre des Questions (Das Buch der Fragen) spricht von der großen Tragödie des letzten Jahrhunderts. Es sagt jedoch nichts Plakativ-Historisierendes, sondern erzählt im Verborgenen. Es handelt von Abwesenheit und Trauer, von dem Verlust von etwas Unwiederbringlichem. Im Zentrum steht die tragische Geschichte von Sarah und ihrem Geliebten Yukel.

Sarah und Yukel sind getrennt. Yukel sucht verzweifelt nach Sarah. Vielleicht ist sie tot? Ihre Eltern wurden nach der Deportation umgebracht. Im Laufe des Buchs wird jedoch mehr und mehr deutlich (gleichsam in Form von Hinweisen), dass Sarah – aufgrund der furchtbaren Erlebnisse – verrückt geworden ist. Deshalb ist sie nicht länger in ihrem Körper; Wahnsinn als schrecklicher Verlust einer Person, der dazu führt, dass auch Yukel sich halbtot fühlt. Letztlich bedeutet es, dass das eigentliche, initiale Verbrechen zwei weitere Opfer hat: nicht physisch umgebracht, aber in ihren Seelen.

– Je n’entends pas le cri, dit Sarah. Je suis le cri.
Edmond Jabès, Le Livre des Questions, p. 187, © Éditions Gallimard

Es gibt einen Erzähler, er scheint manchmal dem Autor nahe zu stehen, manchmal gleich (aber nicht zeitgleich) mit Yukel zu sein. Die Struktur des Textes erinnert an Talmud-Traktate, immer wieder erscheint ein Chor imaginärer Rabbiner mit Kommentaren, die sich oft widersprechen. Das Kontinuum ist aufgehoben. Durch diese Offenheit und Zweideutigkeit verschiebt sich der Sinn gewissermaßen permanent. Es wird keine endgültige Aussage, kein Fazit angestrebt. Gerade durch die Uneindeutigkeit besitzt der Stoff ein großes Bühnenpotential. Das Mystische befördert die Projektion der Zuschauer, es kann daraus ein großer Nuancenreichtum resultieren. Die Ambiguität, die Spannung zwischen Hoffnung und Illusion fasziniert mich dabei sehr. Schatten und Zwielicht bergen die Möglichkeit für Phantasien, das Licht dagegen legt die Abwesenheit, das Fehlen offen.

Für das Libretto habe ich mehrere – chronologisch dem Buch entsprechende – Abschnitte ausgewählt, die zum einen in ihrer poetischen Sprache sehr suggestiv sind, andererseits habe ich auch Passagen ausgesucht, die Handlung für die Bühne enthalten. Le Livre des Questions ist dabei nicht ausschließlich negativ oder pessimistisch – im Gegenteil: das Buch kreiert seinen tiefen und fatalen Eindruck gerade durch seine schöne, sinnliche und höchst sensible Sprache.

Das Bühnenbild soll durch eine Mauer gekennzeichnet sein, die verschiedene Funktionen hat: ihre Hauptbedeutung hat sie als Mechiza – eine Trennwand, die in vielen orthodoxen jüdischen Gemeinden, wo Frauen und Männer getrennt sein müssen, verwendet wird. Die Frauen sind in diesen Synagogen genau genommen nicht nur von den Männern abgegrenzt, vielmehr sind sie aus der gesamten Liturgie ausgegrenzt: sie zählen nicht für den Minjan – die Nummer von zehn Männern, die die Bedingung für eine Vielzahl von religiösen Pflichten ist, wie z.B. das Vorlesen aus der Torah während des Gottesdienstes in der Synagoge oder das Sprechen des Kaddischs – des Totengebets. Somit trennt die Mauer die gesamte Oper hindurch Sarah von Yukel, die Frauen von den Männern. Sarah kann am „aktiven“ Leben auf der anderen Seite nicht mehr teilnehmen.

Aber die Mauer wird auch als Oberfläche für Projektionen verwendet – wie z.B. für die Graffittis im 2. Akt (MORT AUX JUIFS) oder für Schatten. Das Material der Mauer sollte eine Art transparentes, bzw. transluzentes Papier sein, so dass Silhouetten dahinter sichtbar werden können. Besonders der Schatten von Sarah spielt eine signifikante Rolle (etwa ist er das einzige, was von ihr im ersten Akt zu sehen ist – die Idee von Schatten taucht darüber hinaus sehr oft im Buch auf). Es ist auch möglich, mehrere Mauern zu verwenden. Die Wand / die Wände können aber auch auf Rollen sein und von den Rabbinern etwa bewegt werden. Die Sängerin „Sarah“ (Sopran) hat ein Double in Form einer Tänzerin. Diese „Sarah II“ ist sehr wichtig: sie tanzt einerseits für die Schatten, und am Ende (5. Akt) wird der „Beweis“ der schizophrenen Sarah durch beide „Sarahs“ gegeben, die sich simultan auf der Bühne befinden.

Bilder zu Edmond Jabès' "Buch der Fragen" von Elisabeth Naomi Reuter

E. N. Reuter: Jabès / Sarah - Das Haus; © Reuter E. N. Reuter: Jabès / Yukel; © Reuter E. N. Reuter: Jabès / Sarah - Die Gitter; © Reuter E. N. Reuter: Jabès / Sarah - Das Haus der Irren wiegt sich in den Bäumen - Ausschnitt; © Reuter E. N. Reuter: Jabès / Schrei; © Reuter E. N. Reuter: Jabès / Sarahs Vater; © Reuter


Die Musik der Oper ist durch den Einfluss von traditioneller jüdischer Musik strukturiert, aber keineswegs offensichtlich, gleichsam immer untergründig. Der Einfluss wird in verschiedenen Parametern deutlich: z.B. in rhythmischen Strukturen, die entfernt an alte jüdische Tänze erinnern oder in Harmonien, die von bestimmten Skalen abgeleitet werden. Die Art des Gesangs ist von verschiedenen Aspekten jüdischer Musik geprägt: z.B. durch eine der ältesten Quellen jüdischer Musik: die „Kantillation“ – die besondere Art des Vortragens des Textes der Torah mithilfe von bestimmten melodischen Floskeln, die durch Zeichen bestimmt und in ihrer Interpretation seit Jahrhunderten mündlich überliefert werden. Die Tradition der Mikrotonalität, genauso wie das Verwenden von glissandi, vibrati, Vorschlägen und anderen Verzierungen als spezielle Ausdrucksmittel trägt dazu bei, musikalische Charaktere zu schaffen. Dabei hat mich auch die Begegnung mit Werken von Komponisten der Neuen Jüdischen Schule (siehe www.musica-judaica.com) beeinflusst.

Bisher sind schon einige Studien zu der Oper entstanden – die Komposition „de Yukel à Sarah“ (UA beim Festival „Musica“ in Straßburg 2006), deren Musik teilweise in den 3. Akt von „L‘Absence“ integriert ist oder die „Interludien“ (2006), die als Zwischenspiele in den 1., 2. und 4. Akt aufgenommen wurden, „Le chiffre 4“ (2008) als Studie für das Ende des 2. Aktes, sowie das Lied „cherchée-cherchais“ (2008 - im Rahmen des Stipendiums der „Aribert-Reimann-Stiftung“ entstanden) als Studie für den Epilog. Die Oper wurde parallel in zwei Fassungen erstellt: einer französischen und einer deutschen (in der Übersetzung von Henriette Beese) - mit freundlicher Genehmigung der Éditions Gallimard, Paris und des Suhrkamp Verlags.

Die Oper "L'Absence" ist meinem Lehrer Walter Zimmermann gewidmet.

Pressespiegel
Zeitung des Conservatoire National et Supérieur de Paris über die Uraufführung von "Le chiffre 4"
November 2008
Enquête de sens

Plus personelle et appartenant à un projet de grand envergure, la pièce de Sarah Nemtsov (Berlin), tranche par la question identitaire qu'elle soulève. En reposant sur Le livre des questions de l'écrivain juif Edmond Jabès, la compositrice a choisi de nous présenter une étude pour son opéra à venir Yukel et Sarah [Arbeitstitel - jetzt "L'Absence"]. Subtil jeu de cache-cache entre les instruments, couleurs harmoniques personelles et instrumentation délicate (à part peut-être le solo d'accordéon), Le chiffre 4 est une pièce bien construite et très touchante.
Aurélien Dumont

Hinweis

Die geplante und bereits angekündigte Premiere von "L'Absence" am 29.5.2009 im Schlosstheater Rheinsberg - sowie die weiteren Vorstellungen am 6. und 7. Juni - müssen leider aus finanziellen Gründen ausfallen.
Stattdessen wird die Oper 2012 bei der Münchener Biennale uraufgeführt.





© 12.2.2009 by Sarah Nemtsov. e-mail: feedback@sarah-nemtsov.de