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Elisabeth Reuter: Paul Celan/Tenebrae (excerpt) 

Herzland (2005)

Elisabeth Reuter: Paul Celan/Tenebrae (excerpt)

mp3 excerpt 1  (Adrian Brunner, baritone; ensemble "opera portabile"; conducter: Benjamin Lang)    

mp3 excerpt 2  (Claudia van Hasselt, mezzo soprano; Adrian Brunner, baritone; ensemble "opera portabile"; conductor: Benjamin Lang)    


pictures of the performance in Munich, 24 November 2009

Claudia van Hasselt; stage direction Lotte Greschik; © Grossmann Claudia van Hasselt, stage direction Lotte Greschik; © Grossmann Claudia van Hasselt; stage direction Lotte Greschik; © Grossmann Christian Palm, Claudia van Hasselt; stage direction Lotte Greschik; © Grossmann Daniel Grossmann, Orchestra Jakobsplatz Munich; © Grossmann
Claudia van Hasselt (Gisèle) and Christian Palm (Paul), Orchestra Jakobsplatz Munich, conductor: Daniel Grossmann, stage direction: Lotte Greschik

projection by Lotte Greschik; © Greschik projection by Lotte Greschik; © Greschik projection by Lotte Greschik; © Greschik projection by Lotte Greschik; © Greschik projection by Lotte Greschik; © Greschik projection by Lotte Greschik; © Greschik
stage projections "Herzland" (2009) by Lotte Greschik

pictures of the performance at Schauspielhaus Hanover, 21 January 2006

Claudia van Hasselt-Loerz (Gisèle) and Adrian Brunner (Paul), stage direction: Katrin Beushausen

press
Sueddeutsche Zeitung
24.11.2009
Ende einer Liebe – Das Orchester Jakobsplatz führt heute die Kammeroper „Herzland“ auf

[...] Für sein neuestes Projekt kombiniert Grossmann eine halbstündige Kammeroper über Paul Celan und seine Frau Gisèle mit den „Metamorphosen“ von Richard Strauss[...]. Mit „Herzland“ ist Sarah Nemtsov 2005 im Alter von erst 25 Jahren ein ebenso konzises wie assoziatives Musiktheater gelungen. Sie montiert darin originale Briefstellen, teilweise als Dialog und Schlagabtausch von Bariton (Christian Palm) und Sopran (Claudia van Hasselt), aber auch, indem die Protagonisten, gleichzeitig singend, aneinandervorbeireden. Statt einer Handlung erlebt man im Verlauf einer halben Stunde das allmähliche Zerbrechen einer Beziehung. Metaphorisch oder in Gedichten geschieht das, aber auch als Reflexion von Celans Versuch, seine Frau zu töten und schließlich sich selbst.

Grossmann war von einer CD-Aufnahme der Oper begeistert und konnte sogleich die Komponistin bewegen, die unter Sparsamkeitszwängen leidende Urfassung zu erweitern. Musikalisch sind die Vorbilder Ligeti und Lachenmann schon in der ursprünglichen Fassung für vier Instrumente herauszuhören. In der neuen Kammerorchester-Version für zwei Flöten, Klarinette, Fagott, Posaune, Akkordeon und Streicher dürfte sich dieser Eindruck noch verstärken. Grossmann beschreibt das so: „Es gibt Klangfelder, die rhythmisch sehr komplex verschränkt sind und eigenartig brüchig erscheinen. Für Sekunden scheint auch jüdische oder gar Klezmer-Musik auf. Es gibt auskomponierte Geräusche wie bei Lachenmann, aber vieles wirkt sehr eigen geprägt, wie sich das auch in ihrer Kammermusik spiegelt.“ Erregte Passagen wechseln sich so mit fein ziselierter Kammermusik ab, dramatische Momente mit zartester Lyrik. In der sehr sparsamen Inszenierung durch Lotte Greschik wird der Vertonung von Sprache ihre Übersetzung in Schrift und Brief gegenübergestellt und konfrontiert die Sänger auf ganz konkrete Weise mit ihren Gedanken, die in Worten fixiert sind.[...]
Klaus Kalchschmid

Hannoversche Allgemeine
23.1.2006
Vom Herzen – Miniaturopern in der Cumberlandschen Galerie

Beweglichkeit und geringster Aufwand waren oberstes Gebot, als die Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik ihr Projekt "Opera portabile" startete. Als erste Spielorte wurden eine Waschkaue im Besucherbergwerk Barsinghausen und in Hannover die (ausverkaufte) Cumberlandsche Galerie des Schauspielhauses gewählt. Beide taugten vorzüglich für einen doppelten "Liebestod". Während Sarah Nemtsov, geb. Reuter, in "Herzland" Paul Celans tragische Pariser Liebesbeziehung als Miniaturoper für zwei Stimmen und vier Instrumente vertont, orientierte sich "Rondo" von Michael Heisch an Schnitzlers Bühnenstück "Reigen".[...].

Sarah Nemtsovs "Herzland" dauerte weniger als eine halbe Stunde. Diese aber blieb als Dreiklang von bündiger Komposition, konsequenter Regie (Katrin Beushausen) und von Benjamin Lang dirigierter triftiger musikalischer Interpretation mit Claudia Lörz und Adrian Brunner als Solisten nachhaltig in Erinnerung.
Ludolf Baucke

Deister-Leine-Zeitung
23.1.2006
"Liebestod" – große Oper ganz ungewöhnlich

[...] Nur begleitet von einer Flöte, Klarinette, Viola und Akkordeon besangen die Mezzosopranistin Claudia Lörz und der Bariton Adrian Brunner in fünf Bildern Stationen der Beziehung zwischen Paul Celan und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange, die schließlich trotz tiefer Liebe zerbricht. Die innere Zerrissenheit des Juden Celan [...] spiegelte sich in der recht eigenwilligen Melodik, Rhythmik und Harmonik der Musik wider. Die Besucher zeigten sich von der besonderen Inszenierung begeistert und bedachten die Künstlerinnen und Künstler mit langem Applaus.

Calenberger Zeitung
23.1.2006
Liebestode in komprimierter Form

Das klassische Thema der großen Oper, der Liebestod, komprimiert: Unter dieser Vorgabe haben die Komponisten Sarah Nemtsov und Michael Heisch je eine zeitgenössische Miniaturoper geschrieben. Die konträren Werke hat die Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik in Barsinghausen uraufführen lassen. Rund 80 Zuhörer waren am Freitag in der Waschkaue dabei.

[...] Streng durchkomponiert war dagegen Nemtsovs Werk. Die Musikerin hatte die Liebesbeziehung von Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange thematisiert. Das Libretto stützt sich auf deren Briefwechsel. Claudia Lörz (Mezzosopran) und Adrian Brunner (Bariton) gelang gesanglich und schauspielerisch eine ergreifende Interpretation.


programme notes

Die Kammeroper "Herzland" möchte in und an verschiedenen Stationen zeigen, wie sich die Beziehung von Paul Celan und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange entwickelt und wie sie – trotz tiefer Liebe und innigster Verbundenheit – zerbricht. Dabei war mein Ziel nicht, Paul Celan und seine Frau als Personen zur Schau zu stellen, vielmehr ging es mir darum, einen Konflikt aufzuzeigen. Die Beziehung zerbricht letztlich auch an der Geschichte, die vorbei ist, vergangen, aber eben doch nicht vorbei, sondern sich wieder und wieder schmerzhaft aktuell zeigt. Der Massenmord an den Juden, dem auch Celans Eltern zum Opfer fielen blieb zeit seines Lebens das Zentrum seines literarischen Schaffens. Deutsch war die Muttersprache Celans, sowie die Sprache der Mörder seiner Mutter. In Deutschland fand er seine primäre Leserschaft, immer wieder musste er sich dort aber auch mit Antisemitismus konfrontiert sehen. Das Judentum war in Celans Leben immerzu präsent, allerdings in dem ständigen Zwiespalt zwischen "Glauben-Wollen" und "Nicht-Glauben-Können" (W. Emmerich).

Die jüdischen Themen sollten auch für die Musik bedeutsam werden, indem ich vielfach auf traditionelle jüdische Musik verwiesen habe – auf liturgische, sowie auf Volksmusik. Diese Sphären sind in der Gesamtform, in Melodik, Rhythmik und Harmonik untergründig quasi immer in irgendeiner Weise vorhanden. Mich reizte dabei auch die Idee der Verlorenheit von einer "Klezmer-Kapelle" in einem Orchestergraben. Assoziativ verband ich das mit dem so oft als verloren, entwurzelt, heimatlos beschriebenen Paul Celan.

Eine Heimat gab ihm schließlich Gisèle. Die Graphikerin, die einer französischen aristokratischen Familie entstammte, Nicht-Jüdin war und kein Deutsch sprach, war oftmals sein einziger Halt. "Herzland" bringt aber auch zwei, eher unbekannte, Begebenheiten auf die Bühne: einen Angriff Pauls mit dem Messer auf Gisèle, sowie einen späteren Selbstmordversuch Pauls, wobei er von Gisèle gerettet wurde. Die vielmals ausgeteilten Etiketten wie "verrückt", "schizophren", "in Psychose" schienen mir allerdings sehr problematisch. Ich wollte Paul Celan vielmehr im Sinne der Hölderlin-Auffassung von Pierre Bertaux darstellen: als jemanden, der keineswegs geisteskrank war (ich denke, damit spricht man einem Menschen auch die Eigenverantwortung ab), dessen Gemütsverfassung (traurige) Gründe hatte, der – wie es Bertaux über Hölderlin schreibt – nicht normal war, "insofern sein psychologisches Profil kein gewöhnliches, sondern ein höchst seltenes, vielleicht ein einmaliges, gewesen ist." Nicht normal, auch weil seine Lebensumstände nicht normal werden konnten. S.N.




© 14.3.2010 by Sarah Nemtsov. e-mail: feedback@sarah-nemtsov.de