Essay von Stefan Drees in der Neuen Zeitschrift für Musik Ausgabe 06/2011
Unter den Worten - Sarah Nemtsovs Komposition „Hoqueti“
Artikel
Der Tagesspiegel 27.1.2012 (zu dem Zyklus A LONG WAY AWAY. Passagen im Rahmen des Ultraschall Festivals 2012)
Das Parfum der Vergangenheit.
Zauber der Orte: Ultraschall, das Berliner Festival für Neue Musik, erkundet die Grenzen des Musiktheaters.
Schritte im Laub, eine mechanische Schreibmaschine, klirrende Tassen, ein zu Boden fallender Schlüsselbund – mit vertrauten Geräuschen operiert die Berliner Komponistin Sarah Nemtsov in ihrem inszenierten Zyklus „A Long Way Away“, eine Uraufführung des Berliner Festivals für neue Musik Ultraschall 2012. Wie Signale rufen sie eigene Erinnerungen wach, seien sie auch noch so alltäglich. Erinnerung ist Nemtsovs Thema – der Prozess, der die Zeit bewegt, sie zerlegt und letztlich die subjektive Gegenwart bestimmt. Das antiquierte Mobiliar auf der Bühne der Sophiensäle, auf der sich die Musiker des Ensemble Adapter ohne den Anflug eines Rollenspiels bewegen, erinnert an das großelterliche Wohnzimmer, das Parfum der Vergangenheit noch in der Luft.
„Grenzen des Musiktheaters“ ist dieses Jahr einer der Schwerpunkte des von Deutschlandradio Kultur und dem Kulturradio vom RBB veranstalteten Festivals. Viel wird heute experimentiert in diesem Grenzbereich, selten ist das Ergebnis überzeugend. Meist scheitert es am Irrglauben, der Musiker könne auch Schauspieler sein. Und darin liegt womöglich auch das Gelingen von „A Long Way Away“: die Musiker stellen nichts dar, sondern führen nur Handlungen als Funktion der Musik aus.
Nemtsovs neuem Werk liegen Texte des Erinnerns von Proust, W. G. Sebald und Mirko Bonnés zugrunde. Aber: Kein Wort wird gesungen, kaum eins gesprochen, und doch vermitteln sich Atmosphäre und Grundgefühl der Texte durch ihre assoziative Musik- und Klangsprache direkter und vollkommener als jedes Wort es könnte. Man vergisst geradezu, dass es Musik ist.
Barbara Eckle
Der Tagesspiegel 23.1.2012 (zu den Hoqueti im Rahmen des Ultraschall Festivals 2012)
Wer bin ich? Das Berliner Festval Ultraschall ist eröffnet.
[...] Auch tags darauf im Radialsystem werden dramatische Botschaften am Rande des Musiktheatralischen versandt. „Hoqueti“ nennt Sarah Nemtsov Traumprotokolle nach Texten von Adorno, Brecht und Benjamin, in denen die alle Stimmregister ziehenden Neuen Vocalsolisten dunkel Drohendes mit Gongs und geräuschhaft eingesetzten Kontrabässen produzieren. (Nemtsovs Zyklus „A Long way away“ wird am Donnerstag in den Sophiensälen szenisch uraufgeführt.)
Isabel Herzfeld
Neue Musikzeitung November 2011 (zu den Donaueschinger Musiktagen 2011)
Angetreten zum Dienst an der neuesten Neuen Musik
[...] Apropos Neue Vocalsolisten. Für sie war ein eigenes Konzert reserviert, in dem sie ihre unverändert grandiosen Sing-Künste inklusive mimischer und gestischer Lebendigkeit zeigen konnten. Werke von Sarah Nemtsov, Jennifer Walshe, Clara Maïda und Iris ter Schiphorst profitierten von dieser interpretatorischen Qualität – neben der Kunst des Singens gibt es auch eine Kunst des Geräuschhaften. Besonders Sarah Nemtsovs „Hoqueti“ für sechs Stimmen mit Instrumenten auf „Traum-Texte“ von Walter Benjamin, Adorno und Brecht überzeugte durch die intelligente Durchdringung der Texte mit der Musik, wobei die Sänger zugleich die Instrumente bedienen.
Gerhard Rohde
Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 06/2011 (Donaueschinger Musiktage)
Im Konzert der wieder einmal fabelhaften Neuen Vocalsolisten Stuttgart debütierte die 1980 geborene Sarah Nemtsov mit Hoqueti für Stimmen und Zusatz-Instrumente, die Damen mit Schlagzeug, die Herren mit Kontrabässen. Das sehr konzentrierte, klangschöne Stück stahl den anderen drei Komponistinnen [...] die Show, schon allein, aber nicht nur wegen der virtuosen Doppeltätigkeit.
Hartmut Lück
Positionen November 2011 (Donaueschinger Musiktage)
[...] Als Nachwuchskomponistin überraschte auch die 31jährige Sarah Nemtsov aus Oldenburg mit originellen "Hoqueti" nach Traumprotokollen.
Gisela Nauck
Echo online 16.11.2010 (Sechs Zeichen)
Eigens für Peter-Philipp und Hansjacob Staemmler komponierte die 30-jährige Sarah Nemtsov [...] ihren Miniaturenzyklus »Sechs Zeichen« (2010), zu dem sie durch die Lektüre der philosophischen Schriften Hegels inspiriert wurde. Das etwa zehnminütige Stück erscheint mit seinen teils verstörenden Klangeffekten (Tastendeckel-Schläge, präparierte Klaviersaiten, geräuschhafte Cellotöne) in der Tat kompromisslos modern und erinnert in seiner extrem konzentrierten Gestensprache bisweilen an Webern'sche Vorbilder.
Engagiertere und brillantere Interpreten als die Staemmler-Brüder hätte sich die offenbar außergewöhnlich ideenreiche Komponistin kaum wünschen können.
Klaus Ross

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Zwanzig Skizzen auf CD: Aphorisms: Piano Works by Mieczyslaw Weinberg,
Sarah Nemtsov and Dmitry Shostakovich
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Mieczyslaw Weinberg, Children's Notebooks
Sarah Nemtsov, Twenty Sketches
Dmitry Shostakovich, Aphorisms
| Jascha Nemtsov, Klavier
hänssler CLASSIC / SWR 2009
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Kritik im American Record Guide: Individually the sketches are tiny, most under a minute long, but listening to
the work as a whole it comes across as a continuous sequence of variations, with the brief silences between the sketches becoming part of the musical fabric.
Twenty Sketches is aptly described in the notes as a “cycle of closely interrelated miniatures, intricately interwoven thematically to create
[as Schumann said of his Papillons] a poetic entity”. Nemtsov’s idiom is “contemporary” and uncompromising--atonal and athematic, with much use of tone-clusters,
widely disjunct lines, and violent contrasts in dynamics and register. Still one never doubts the composer’s skill, integrity, purpose, or conviction.
There are moments of quiet beauty, where the piano flowers, if only briefly, into enraptured song, and the music radiates emotional involvement,
and for that reason especially, holds and rewards the open-minded listener’s attention with a fierce, deeply-felt expressiveness, even lyricism. LEHMAN
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Neue Zürcher Zeitung 9.2.2011 (Zu „Herzland“ in der Koproduktion Orchester Jakobsplatz und Bayerische Staatsoper)
Entfremdung im Verborgenen – Zwei Kammeropern und eine szenische Lesung an einem Abend in München
Nemtsovs «Herzland» beginnt indes dort, wo «Rothschilds Geige» endet. Reflektiert wird der Briefwechsel zwischen Paul Celan (Urban Malmberg) und seiner Frau Gisèle (Anna Radziejewska); in ihm spiegeln sich Celans Traumata. Er überlebte den Holocaust, verlor aber seine Familie. Zeitlebens plagten Celan Depressionen, Schuldkomplexe und Selbstmordgedanken. Schliesslich attackierte Celan seine Frau mit einem Messer, 1970 ertränkte er sich in der Seine. Neben dieser inhaltlichen Kohärenz gibt es zwischen den Kurzopern auch musikalische Bezüge; denn während Fleischmann und Schostakowitsch das jüdische Idiom sinfonisch aufbrechen, verfremdet Nemtsov alte jüdische Modi und den rituellen jüdischen Sprechgesang bis zur geräuschhaften Fragmentierung. Im verschütteten, vergessenen Material klingt die Entfremdung, es erwachsen neue Identitäten.
Marco Frei
Sueddeutsche Zeitung 24.11.2009
Ende einer Liebe – Das Orchester Jakobsplatz führt heute die Kammeroper „Herzland“ auf
[...] Für sein neuestes Projekt kombiniert Grossmann eine halbstündige Kammeroper über Paul Celan und seine Frau Gisèle mit den „Metamorphosen“ von Richard Strauss[...].
Mit „Herzland“ ist Sarah Nemtsov 2005 im Alter von erst 25 Jahren ein ebenso konzises wie assoziatives Musiktheater gelungen. Sie montiert darin originale Briefstellen,
teilweise als Dialog und Schlagabtausch von Bariton (Christian Palm) und Sopran (Claudia van Hasselt), aber auch, indem die Protagonisten, gleichzeitig singend,
aneinandervorbeireden. Statt einer Handlung erlebt man im Verlauf einer halben Stunde das allmähliche Zerbrechen einer Beziehung.
Metaphorisch oder in Gedichten geschieht das, aber auch als Reflexion von Celans Versuch, seine Frau zu töten und schließlich sich selbst.
Grossmann war von einr CD-Aufnahme der Oper begeistert und konnte sogleich die Komponistin bewegen, die unter Sparsamkeitszwängen
leidende Urfassung zu erweitern. Musikalisch sind die Vorbilder Ligeti und Lachenmann schon in der ursprünglichen Fassung für vier Instrumente herauszuhören.
In der neuen Kammerorchester-Version für zwei Flöten, Klarinette, Fagott, Posaune, Akkordeon und Streicher dürfte sich dieser Eindruck noch verstärken.
Grossmann beschreibt das so: „Es gibt Klangfelder, die rhythmisch sehr komplex verschränkt sind und eigenartig brüchig erscheinen. Für Sekunden scheint auch jüdische oder gar
Klezmer-Musik auf. Es gibt auskomponierte Geräusche wie bei Lachenmann, aber vieles wirkt sehr eigen geprägt, wie sich das auch in ihrer Kammermusik spiegelt.“ Erregte Passagen
wechseln sich so mit fein ziselierter Kammermusik ab, dramatische Momente mit zartester Lyrik. In der sehr sparsamen Inszenierung durch Lotte Greschik wird der Vertonung von
Sprache ihre Übersetzung in Schrift und Brief gegenübergestellt und konfrontiert die Sänger auf ganz konkrete Weise mit ihren Gedanken, die in Worten fixiert sind.[...]
Klaus Kalchschmid
Zeitung des Conservatoire National et Supérieur de Paris November 2008 (zur Uraufführung von "Le chiffre 4")
Enquête de sens
Plus personelle et appartenant à un projet de grand envergure, la pièce de Sarah Nemtsov (Berlin),
tranche par la question identitaire qu'elle soulève. En reposant sur Le livre des questions de l'écrivain juif Edmond Jabès, la compositrice a choisi de nous présenter une étude pour son opéra à venir Yukel et Sarah [Arbeitstitel für "L'ABSENCE"]. Subtil jeu de cache-cache entre les instruments, couleurs harmoniques personelles et instrumentation délicate (à part peut-être le solo d'accordéon), Le chiffre 4 est une pièce bien construite et très touchante.
Aurélien Dumont
Hannoversche Allgemeine 16.6.2008 (zur UA von "Im Andenken")
Es gibt Momente in
der Musik, da hat man das Gefühl, etwas zu erleben, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Transzendenz
nennen das manche. Andere würden bescheidener sagen, sie sind tief in ihrer Seele berührt. Beim zweiten Konzert
des Nomos-Quartetts „von Ferne und Nähe“ im hannoverschen Pelikansaal ereignete sich einer dieser Glücksmomente
am Ende von Sarah Nemtsovs uraufgeführtem Streichquartett „Im Andenken“.
Zart, zerbrechlich, in einem Piano an der Grenze des Wahrnehmbaren erklang der Beginn von Schuberts
Andante-Fragment aus dem Streichquartett c-Moll D 703. Mit Dämpfer gespielt und fast doppelt so langsam notiert wie
im Original wirkte es, als kämen die Töne aus einer anderen Welt. Eng verflocht die 1980 geborene Sarah Nemtsov
das romantische Fragment mit ihrer eigenen modernen Musiksprache. Musik aus Schuberts Streichquartettfragment
hatte die Komponistin, die bis 2005 an der hannoverschen Musikhochschule bei Johannes Schöllhorn lernte und jetzt in
Berlin Meisterschüler bei Walter Zimmermann ist, schon an den Anfang ihres Quartetts gestellt. Aus der Formensprache
des Romantikers abstrahierte sie die Elemente für ihren sinnlichen, lyrisch anmutenden Mittelteil: eine mit
zeitgenössischen Mittel erzeugte berührende Seelenmusik. [...]
Jutta Rinas
Hannoversche Allgemeine 23.1.2006 (zu der UA der Kammeroper "Herzland")
Vom Herzen – Miniaturopern in der Cumberlandschen Galerie
Beweglichkeit und geringster Aufwand waren oberstes Gebot, als die Hannoversche Gesellschaft
für Neue Musik ihr Projekt "Opera portabile" startete. Als erste Spielorte wurden eine Waschkaue im Besucherbergwerk Barsinghausen und in Hannover
die (ausverkaufte) Cumberlandsche Galerie des Schauspielhauses gewählt. Beide taugten vorzüglich für einen doppelten "Liebestod". Während Sarah Nemtsov, geb.
Reuter, in "Herzland" Paul Celans tragische Pariser Liebesbeziehung als Miniaturoper für zwei Stimmen und vier Instrumente vertont, orientierte sich
"Rondo" von Michael Heisch an Schnitzlers Bühnenstück "Reigen".[...].
Sarah Nemtsovs "Herzland" dauerte weniger als eine halbe Stunde. Diese aber blieb als Dreiklang von bündiger Komposition, konsequenter Regie (Katrin Beushausen)
und von Benjamin Lang dirigierter triftiger musikalischer Interpretation mit Claudia Lörz und Adrian Brunner als Solisten nachhaltig in Erinnerung.
Ludolf Baucke
Deister-Leine-Zeitung 23.1.2006
"Liebestod" – große Oper ganz ungewöhnlich [...] Nur begleitet von einer Flöte, Klarinette,
Viola und Akkordeon besangen die Mezzosopranistin Claudia Lörz und der Bariton Adrian Brunner in fünf Bildern Stationen der Beziehung zwischen
Paul Celan und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange, die schließlich trotz tiefer Liebe zerbricht. Die innere Zerrissenheit des Juden Celan [...] spiegelte sich in der
eigenwilligen Melodik, Rhythmik und Harmonik der Musik wider. Die Besucher zeigten sich von der besonderen Inszenierung begeistert und bedachten
die Künstlerinnen und Künstler mit langem Applaus.
Hannoversche Allgemeine 8.11.2002
So riecht der Herbst
Das Programm [...] endete mit poetisch inspirierter und ausdrucksvoll uraufgeführter Kammermusik von Sarah Reuter. Letztere versteht ihr Quintett "...ins Unland..." für Oboe, Violine, Violoncello, Klavier und Sprecher nicht als Vertonung von fünf Gedichten aus Paul Celans "Niemandsrose". Stattdessen versuchte sie mit zarten Reibeklängen und vielfach nur angedeuteten melodischen Figuren einen Zeitraum für An- und Nachklänge der Gedichte zu schaffen. Dieser lässt "stumme Herbstgerüche" des Dichters gestalthaft ahnen, ohne aufdringlich zu wirken.
Ludolf Baucke
Interview mit Sarah Nemtsov (2006) von Frans Waltmans
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DIE ZEIT, Sonderbeilage Kultur, April 2006
Beitrag von Sarah Nemtsov zu dem Thema: „Was hat die Globalisierung aus der Musik gemacht?“
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© 26.12.2011 by Sarah Nemtsov. e-mail:
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