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Elisabeth Reuter: Inquisitors 

Press

E.N. Reuter: Inquisitors (Drawing)


Aphorisms: Piano Works by Mieczyslaw Weinberg, Sarah Nemtsov and Dmitry Shostakovich
  Mieczyslaw Weinberg, Children's Notebooks
Sarah Nemtsov, Twenty Sketches
Dmitry Shostakovich, Aphorisms
Jascha Nemtsov, Klavier
hänssler CLASSIC / SWR 2009
American Record Guide: Individually the sketches are tiny, most under a minute long, but listening to the work as a whole it comes across as a continuous sequence of variations, with the brief silences between the sketches becoming part of the musical fabric. Twenty Sketches is aptly described in the notes as a “cycle of closely interrelated miniatures, intricately interwoven thematically to create [as Schumann said of his Papillons] a poetic entity”. Nemtsov’s idiom is “contemporary” and uncompromising--atonal and athematic, with much use of tone-clusters, widely disjunct lines, and violent contrasts in dynamics and register. Still one never doubts the composer’s skill, integrity, purpose, or conviction. There are moments of quiet beauty, where the piano flowers, if only briefly, into enraptured song, and the music radiates emotional involvement, and for that reason especially, holds and rewards the open-minded listener’s attention with a fierce, deeply-felt expressiveness, even lyricism.
LEHMAN

About the Opera L'ABSENCE - Munich Biennale 2012

Times of Israel Article by Shoshana Liessmann - 3.5.2012
L'absence fills the contemporary jewish music void
Article (English)

Frankfurter Rundschau 11.5.2012
Das Ferne, das Unerreichbare
[...] Besonderes, Schwieriges, Bedeutendes wurde nun mit der Eröffnungs-Uraufführung der 13. Biennale (sie firmierte unter dem immer passenden Schreker-Motto „Der ferne Klang“) geboten. Sarah Nemtsovs Oper „L'Absence“ reibt sich an mehreren Unmöglichkeiten. Zum einen geht sie produktiv mit den formalen Prinzipien eines „postdramatischen Theaters“ um, erzählt mithin keine geradlinige Geschichte. Zum anderen handelt sie von Unerzählbarem noch in dem emphatischeren, radikaleren Sinne, dass sie jüdisches Schicksal im Zeichen des Holocaust beschwört, ohne dabei konkrete Schauplätze oder Handlungen auf die Bühne zu bringen. Die Chiffre „Absence“ scheint deutlich genug, um die Suche nach Unerreichbarem (geliebten Personen, geschützten Lebensräumen) im „Zeitalter der Angst“ zu markieren.
Sarah Nemtsovs Werk über das Jüdischsein (und die Befindlichkeit aller displaced persons in dieser Welt) macht es sich mithin noch schwerer als Mieczislav Weinbergs eindringliche, emotional aufgeladene KZ-Oper „Die Passagierin“, die vor einigen Jahren in Bregenz „entdeckt“ wurde. Die 32-Jährige Oldenburger Komponistin, Schülerin von Walter Zimmermann, stützt sich auf ausgewählte philosophisch-poetische Passagen aus dem „Buch der Fragen“ des jüdisch-französischen Autors Edmond Jabès. Sie umkreist dabei die imaginär und unerfüllt bleibende Liebesgeschichte von Sarah und Yukel, kondensiert sie in den wechselnden Gefühlszuständen von Sehnsucht, Ratlosigkeit und Verzweiflung, konterkariert sie durch den manchmal ans Grotesk-Komische reichenden Rabbinerchor und rätselhaft-surreale „Rosen“ - und Kinderstimmen.
Die Gliederung der Oper in fünf Akte deutet nicht auf einen klassizistischen Aufbau; die korrespondierenden und in einander verfließenden Szenen wirken undurchschaubar. Suggestiv bleibt in jedem Moment die Musik, die das Ferne und Unentschlüsselbare der Bühnengeschehnisse nah heranholt, es brennend der hörenden Aufmerksamkeit einschreibt. Jenseits aller konventionellen Parameter erreicht die Musik Klarheit und Kraft, eine Plötzlichkeit und Magie, die sich unmittelbar aus dem theatralischen Gegenstand zu ergeben scheinen. Stimmcharaktere, Geräusche, Instrumtalklänge (etwa das Cymbal, eigentlich ein pannonisches Folkloreinstrument) muten wie neu erfunden an.
Die Aufführung in der Muffathalle war aufs Sorgfältigste vorbereitet und gab dem anspruchsvollen Stück (knapp zwei Stunden ohne Pause) ein imponierendes Format. Das Bühnenbild von Etienne Pluss realisierte Nemtsovs Idee von Trennwänden (zwischen Männern und Frauen, Anwesenden und Abwesenden, Realität und Traum, Jetzt und Früher) optimal mit vielerlei Varianten von Transparenz und in die Publikumsreihen sich fortsetzenden Leuchtröhren. Behutsam und ohne laute Akzente die Personenführung der Regisseurin Jasmin Solfaghari. Mit einer mittelgroßen Besetzung des Bundesjugendorchesters brachte Dirigent Rüdiger Bohn die Musik Sarah Nemtsovs zu intensivem Leuchten. Die dominierenden Soloparts wurden einprägsam verkörpert - der zwischen extremen Stimmlagen changierende Erzähler-Altus (Bernhard Landauer), der stämmig-virile Yukel (Assaf Levrtin), die in eine Sängerin und eine Tänzerin aufgespaltene Sarah (Tehili Nina Goldstein, Evgenia Itkina).
Hans-Klaus Jungheinrich

Der Tagesspiegel 9.5.2012
Wir sind ja so retro
[...] Ungleich größere Reibungsflächen bietet dagegen „L’ Absence“ der Berliner Komponistin Sarah Nemtsov. Keine fortlaufende Handlung, keine Bühneneffekte, kein aktuelles Thema – und doch bewegt das Ganze. Nemtsovs Oper liegt das „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès zugrunde. ... Durchaus ungewöhnlich ist auch die Rolle der Musik. So sind nicht etwa die gesanglichen Linien Träger der Expressivität, sondern vielmehr das Orchester. ... Im Graben aber dominieren schrille Schreie der Holz- und Blechbläser, rohe Schläge von Perkussion und Streichern und vergegenwärtigen so die Erkenntnisschmerzen des Liebespaars. Mit beispielloser Sensibilität für das Nicht-Artikulierbare bringt Sarah Nemtsov diese Dimension ihrer literarischen Vorlage ans Licht.
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Barbara Eckle

Der Klassikkritiker 8.5.2012
MACHTLOSES WORT – Die Münchener Biennale eröffnet mit der Uraufführung von Sarah Nemtsovs „L’absence“
Es war eine Frage der Zeit, dass sich die junge Generation von Opernkomponisten des Holocausts annehmen würde. Natürlich nicht als ein „realistisches“ Bühnenstück über die Gräuel der NS-Barbarei, dies wäre in der Tat zu platt, wohl aber als assoziatives Musiktheaterwerk mit dem geschichtlichen Hintergrund als Reflexionsfolie. ... Nemtsov ist dabei ein genauso beklemmendes wie sensibles Bühnenwerk gelungen. Sie gehört zu den ganz wenigen jungen Komponisten, die in der Lage sind, aus den Usancen des Musiktheaters Kreativität zu entfalten und in großen, durchkomponierten Szenenkomplexen zu denken [...]
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Jörg Riedlbauer

Tagblatt 5.5.2012
Eröffnung mit fernen Klängen – Was macht das neue Musiktheater? Das zuständige Festival, die Münchner Biennale, startet mit einer gespenstischen Seelen-Oper von Sarah Nemtsov.
Schon in der Auftaktoper „L’absence“ von Sarah Nemtsov ist das Festivalmotto präsent: „Der ferne Klang“ ist hier der Nachhall einer Katastrophe. ... Eingearbeitet in Nemtsovs Musik sind Spurenelemente aus Synagogengesängen und Klezmerrhythmen, allerdings kaum wahrnehmbar und verwoben zu einer eigenwilligen, modernen Klangsprache. Es gibt schrille Reibungen, düstere Blechakzente und heftige Schlagzeuggewitter. Prägend für die Oper sind zudem metallische Hackbrettsounds, und der im Text zitierte „stumme Schrei“ klingt in der Oboe wie ein erstickter, tonloser Klagelaut - ein besonderes Lob gilt dem hoch präzisen Bundesjugendorchester unter Rüdiger Bohn. [...]
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Otto Paul Burkhardt

Neue Musikzeitung 4.5.2012
Vor und hinter der Klangmauer: „L’Absence“ von Sarah Nemtsov zum Auftakt der 13. Münchener Musiktheater-Biennale
Und dann ist da plötzlich eine zweite Oboe. Kaum merklich nimmt deren konservierter Klang per Lautsprecher mehr und mehr vom Raum Besitz. Eingespielt hat diese Stimme Sarah Nemtsov, die Komponistin des Biennale-Auftaktwerks „L’Absence“, die sich ihrem Stück somit auch als Instrumentalistin eingeschrieben hat. ... So zwingend Sarah Nemtsov dieser weite musikalische Bogen gelingt, so genau formt sie immer wieder auch die Mikrostruktur. Nicht selten eröffnet sie eine Szene mit einem in der Instrumentierung genau ausbalancierten, heftigen Schlag, der das klangliche Material des Folgenden in sich zu tragen scheint. [...]
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Juan Martin Koch

About A LONG WAY AWAY. Passagen - Ultraschall Festival 2012

Neue Musikzeitung März 2012
Drama, Pathos, Grenzüberschreitung - Das Berliner Ultraschall-Festival entdeckt die Inhaltlichkeit und birgt dabei überraschende Funde
Kaum aber kann die Idee sensibler umgesetzt werden als von Sarah Nemtsov in ihrem inszenierten Zyklus „A long way away“. Texte von Walter Benjamin, Marcel Proust oder „musikalische Reaktionen“ auf Bilder nach Gedichten Mirko Bonnés liegen ihm zugrunde, ohne dass ein einziges Wort gesprochen oder gesungen wird. Die Musiker sind zwar einheitlich gekleidet, eine strenge, stille Farb- und Formgebung beherrscht die Bühne der Sophiensäle, doch spektakuläre Aktionen, selbst eine Vergrößerung der Klangerzeugung, gibt es nicht. Doch dass es um Erinnerungen geht, teilt sich in jedem Ton mit, gestützt von Alltagsgeräuschen wie raschelndem Laub, das Klappern einer altmodischen Schreibmaschine, das Klirren eines auf den Boden geworfenen Schlüsselbundes. Wie Nemtsov das in ihre zarten Tupfen von präpariertem Klavier und Melodica, Harfe, Cembalo und Schlagzeug, Linien von Altflöte und Bassklarinette integriert, ist grandios, zeugt von wachem Klangsinn gerade dadurch, dass es vollkommen natürlich wirkt. Dass sich in diesen Andeutungen Dramen ereignen können, glaubt man ihr sofort. Diese Uraufführung wird zur erfreulichen Entdeckung einer zeitgenössischen Komponistin, die aller „Historie“ des Festivals standzuhalten vermag.
Isabel Herzfeld

Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 02/2012
Ausufernd konzentriert - Das 14. Festival Ultraschall in Berlin
Die vier Erzählungen aus Winfried Georg Sebalds Die Ausgewanderten (1992) bilden den programmatischen Kern von Sarah Nemtsovs Zyklus A long way away. Passagen für neun Instrumentalisten (2010/11). Abendfüllend erweitert wurde dieser Zyklus um Stücke nach Walter Benjamin, Marcel Proust und Mirko Bonné. Es handelt sich vorwiegend um Instrumentalmusik, bei der szenisch verdeutlicht wird, worauf die Musik sich bezieht: Erinnerungsbilder an die Kindheit, an die Heimat sowie Übergänge ins Land der Emigration. Die Inszenierung von Anna Peschke deutete weniger eine Handlung als Orte an — durch Requisiten wie alte Möbel, Küchengeräte, Kinderspielzeug, eine Schreibmaschine und dergleichen sowie die Bewegung der Musiker im Raum. Das Besondere der Inszenierung und vor allem an Nemtsovs Musik ist das Organische und Flexible der Verläufe sowie die wunderbare Kombinatorik instrumentaler und geräuschhafter Klänge, die sich gleichsam zwanglos natürlich und stets folgerichtig vermischen. Nichts Aufgesetztes, kein Krampf. Gut geprobt wurde dieses neue Werk vorgeführt von isländischen und deutschen Musikern des Berliner Ensembles Adapter unter der Leitung von Manuel Nawri.
Walter-Wolfgang Sparrer

Der Tagesspiegel 27.1.2012
Das Parfum der Vergangenheit.
Zauber der Orte:
Ultraschall, das Berliner Festival für Neue Musik, erkundet die Grenzen des Musiktheaters.
Schritte im Laub, eine mechanische Schreibmaschine, klirrende Tassen, ein zu Boden fallender Schlüsselbund – mit vertrauten Geräuschen operiert die Berliner Komponistin Sarah Nemtsov in ihrem inszenierten Zyklus „A Long Way Away“, eine Uraufführung des Berliner Festivals für neue Musik Ultraschall 2012. Wie Signale rufen sie eigene Erinnerungen wach, seien sie auch noch so alltäglich. Erinnerung ist Nemtsovs Thema – der Prozess, der die Zeit bewegt, sie zerlegt und letztlich die subjektive Gegenwart bestimmt. Das antiquierte Mobiliar auf der Bühne der Sophiensäle, auf der sich die Musiker des Ensemble Adapter ohne den Anflug eines Rollenspiels bewegen, erinnert an das großelterliche Wohnzimmer, das Parfum der Vergangenheit noch in der Luft.
„Grenzen des Musiktheaters“ ist dieses Jahr einer der Schwerpunkte des von Deutschlandradio Kultur und dem Kulturradio vom RBB veranstalteten Festivals. Viel wird heute experimentiert in diesem Grenzbereich, selten ist das Ergebnis überzeugend. Meist scheitert es am Irrglauben, der Musiker könne auch Schauspieler sein. Und darin liegt womöglich auch das Gelingen von „A Long Way Away“: die Musiker stellen nichts dar, sondern führen nur Handlungen als Funktion der Musik aus.
Nemtsovs neuem Werk liegen Texte des Erinnerns von Proust, W. G. Sebald und Mirko Bonnés zugrunde. Aber: Kein Wort wird gesungen, kaum eins gesprochen, und doch vermitteln sich Atmosphäre und Grundgefühl der Texte durch ihre assoziative Musik- und Klangsprache direkter und vollkommener als jedes Wort es könnte. Man vergisst geradezu, dass es Musik ist.
Barbara Eckle

About Hoqueti - Donaueschingen Music Days 2011

Neue Musikzeitung November 2011
Angetreten zum Dienst an der neuesten Neuen Musik
[...] Apropos Neue Vocalsolisten. Für sie war ein eigenes Konzert reserviert, in dem sie ihre unverändert grandiosen Sing-Künste inklusive mimischer und gestischer Lebendigkeit zeigen konnten. Werke von Sarah Nemtsov, Jennifer Walshe, Clara Maïda und Iris ter Schiphorst profitierten von dieser interpretatorischen Qualität – neben der Kunst des Singens gibt es auch eine Kunst des Geräuschhaften. Besonders Sarah Nemtsovs „Hoqueti“ für sechs Stimmen mit Instrumenten auf „Traum-Texte“ von Walter Benjamin, Adorno und Brecht überzeugte durch die intelligente Durchdringung der Texte mit der Musik, wobei die Sänger zugleich die Instrumente bedienen.
Gerhard Rohde

Essay von Stefan Drees in der Neuen Zeitschrift für Musik Ausgabe 06/2011
Unter den Worten - Sarah Nemtsovs Komposition „Hoqueti“
Article (German)

Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 06/2011
Im Konzert der wieder einmal fabelhaften Neuen Vocalsolisten Stuttgart debütierte die 1980 geborene Sarah Nemtsov mit Hoqueti für Stimmen und Zusatz-Instrumente, die Damen mit Schlagzeug, die Herren mit Kontrabässen. Das sehr konzentrierte, klangschöne Stück stahl den anderen drei Komponistinnen [...] die Show, schon allein, aber nicht nur wegen der virtuosen Doppeltätigkeit.
Hartmut Lück

Positionen November 2011 (Donaueschinger Musiktage)
[...] Als Nachwuchskomponistin überraschte auch die 31jährige Sarah Nemtsov aus Oldenburg mit originellen „Hoqueti“ nach Traumprotokollen.
Gisela Nauck

Der Tagesspiegel 23.1.2012 (zu den Hoqueti im Rahmen des Ultraschall Festivals 2012)
Wer bin ich? Das Berliner Festval Ultraschall ist eröffnet.
[...] Auch tags darauf im Radialsystem werden dramatische Botschaften am Rande des Musiktheatralischen versandt. „Hoqueti“ nennt Sarah Nemtsov Traumprotokolle nach Texten von Adorno, Brecht und Benjamin, in denen die alle Stimmregister ziehenden Neuen Vocalsolisten dunkel Drohendes mit Gongs und geräuschhaft eingesetzten Kontrabässen produzieren.
Isabel Herzfeld

Echo online 16.11.2010 (Sechs Zeichen)
Eigens für Peter-Philipp und Hansjacob Staemmler komponierte die 30-jährige Sarah Nemtsov [...] ihren Miniaturenzyklus »Sechs Zeichen« (2010), zu dem sie durch die Lektüre der philosophischen Schriften Hegels inspiriert wurde. Das etwa zehnminütige Stück erscheint mit seinen teils verstörenden Klangeffekten (Tastendeckel-Schläge, präparierte Klaviersaiten, geräuschhafte Cellotöne) in der Tat kompromisslos modern und erinnert in seiner extrem konzentrierten Gestensprache bisweilen an Webern'sche Vorbilder. Engagiertere und brillantere Interpreten als die Staemmler-Brüder hätte sich die offenbar außergewöhnlich ideenreiche Komponistin kaum wünschen können.
Klaus Ross

Neue Zürcher Zeitung 9.2.2011 (Zu „Herzland“ in der Koproduktion Orchester Jakobsplatz und Bayerische Staatsoper)
Entfremdung im Verborgenen – Zwei Kammeropern und eine szenische Lesung an einem Abend in München
Nemtsovs «Herzland» beginnt indes dort, wo «Rothschilds Geige» endet. Reflektiert wird der Briefwechsel zwischen Paul Celan (Urban Malmberg) und seiner Frau Gisèle (Anna Radziejewska); in ihm spiegeln sich Celans Traumata. Er überlebte den Holocaust, verlor aber seine Familie. Zeitlebens plagten Celan Depressionen, Schuldkomplexe und Selbstmordgedanken. Schliesslich attackierte Celan seine Frau mit einem Messer, 1970 ertränkte er sich in der Seine. Neben dieser inhaltlichen Kohärenz gibt es zwischen den Kurzopern auch musikalische Bezüge; denn während Fleischmann und Schostakowitsch das jüdische Idiom sinfonisch aufbrechen, verfremdet Nemtsov alte jüdische Modi und den rituellen jüdischen Sprechgesang bis zur geräuschhaften Fragmentierung. Im verschütteten, vergessenen Material klingt die Entfremdung, es erwachsen neue Identitäten.
Marco Frei

Sueddeutsche Zeitung 24.11.2009
Ende einer Liebe – Das Orchester Jakobsplatz führt heute die Kammeroper „Herzland“ auf
[...] Für sein neuestes Projekt kombiniert Grossmann eine halbstündige Kammeroper über Paul Celan und seine Frau Gisèle mit den „Metamorphosen“ von Richard Strauss[...]. Mit „Herzland“ ist Sarah Nemtsov 2005 im Alter von erst 25 Jahren ein ebenso konzises wie assoziatives Musiktheater gelungen. Sie montiert darin originale Briefstellen, teilweise als Dialog und Schlagabtausch von Bariton (Christian Palm) und Sopran (Claudia van Hasselt), aber auch, indem die Protagonisten, gleichzeitig singend, aneinandervorbeireden. Statt einer Handlung erlebt man im Verlauf einer halben Stunde das allmähliche Zerbrechen einer Beziehung. Metaphorisch oder in Gedichten geschieht das, aber auch als Reflexion von Celans Versuch, seine Frau zu töten und schließlich sich selbst.
Grossmann war von einr CD-Aufnahme der Oper begeistert und konnte sogleich die Komponistin bewegen, die unter Sparsamkeitszwängen leidende Urfassung zu erweitern. Musikalisch sind die Vorbilder Ligeti und Lachenmann schon in der ursprünglichen Fassung für vier Instrumente herauszuhören. In der neuen Kammerorchester-Version für zwei Flöten, Klarinette, Fagott, Posaune, Akkordeon und Streicher dürfte sich dieser Eindruck noch verstärken. Grossmann beschreibt das so: „Es gibt Klangfelder, die rhythmisch sehr komplex verschränkt sind und eigenartig brüchig erscheinen. Für Sekunden scheint auch jüdische oder gar Klezmer-Musik auf. Es gibt auskomponierte Geräusche wie bei Lachenmann, aber vieles wirkt sehr eigen geprägt, wie sich das auch in ihrer Kammermusik spiegelt.“ Erregte Passagen wechseln sich so mit fein ziselierter Kammermusik ab, dramatische Momente mit zartester Lyrik. In der sehr sparsamen Inszenierung durch Lotte Greschik wird der Vertonung von Sprache ihre Übersetzung in Schrift und Brief gegenübergestellt und konfrontiert die Sänger auf ganz konkrete Weise mit ihren Gedanken, die in Worten fixiert sind.[...]
Klaus Kalchschmid

Zeitung des Conservatoire National et Supérieur de Paris November 2008 (zur Uraufführung von "Le chiffre 4")
Enquête de sens
Plus personelle et appartenant à un projet de grand envergure, la pièce de Sarah Nemtsov (Berlin), tranche par la question identitaire qu'elle soulève. En reposant sur Le livre des questions de l'écrivain juif Edmond Jabès, la compositrice a choisi de nous présenter une étude pour son opéra à venir Yukel et Sarah [Arbeitstitel für "L'ABSENCE"]. Subtil jeu de cache-cache entre les instruments, couleurs harmoniques personelles et instrumentation délicate (à part peut-être le solo d'accordéon), Le chiffre 4 est une pièce bien construite et très touchante.
Aurélien Dumont

Hannoversche Allgemeine 16.6.2008 (zur UA von "Im Andenken")
Es gibt Momente in der Musik, da hat man das Gefühl, etwas zu erleben, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Transzendenz nennen das manche. Andere würden bescheidener sagen, sie sind tief in ihrer Seele berührt. Beim zweiten Konzert des Nomos-Quartetts „von Ferne und Nähe“ im hannoverschen Pelikansaal ereignete sich einer dieser Glücksmomente am Ende von Sarah Nemtsovs uraufgeführtem Streichquartett „Im Andenken“.
Zart, zerbrechlich, in einem Piano an der Grenze des Wahrnehmbaren erklang der Beginn von Schuberts Andante-Fragment aus dem Streichquartett c-Moll D 703. Mit Dämpfer gespielt und fast doppelt so langsam notiert wie im Original wirkte es, als kämen die Töne aus einer anderen Welt. Eng verflocht die 1980 geborene Sarah Nemtsov das romantische Fragment mit ihrer eigenen modernen Musiksprache. Musik aus Schuberts Streichquartettfragment hatte die Komponistin, die bis 2005 an der hannoverschen Musikhochschule bei Johannes Schöllhorn lernte und jetzt in Berlin Meisterschüler bei Walter Zimmermann ist, schon an den Anfang ihres Quartetts gestellt. Aus der Formensprache des Romantikers abstrahierte sie die Elemente für ihren sinnlichen, lyrisch anmutenden Mittelteil: eine mit zeitgenössischen Mittel erzeugte berührende Seelenmusik. [...]
Jutta Rinas

Hannoversche Allgemeine 23.1.2006 (zu der UA der Kammeroper "Herzland")
Vom Herzen – Miniaturopern in der Cumberlandschen Galerie
Beweglichkeit und geringster Aufwand waren oberstes Gebot, als die Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik ihr Projekt "Opera portabile" startete. Als erste Spielorte wurden eine Waschkaue im Besucherbergwerk Barsinghausen und in Hannover die (ausverkaufte) Cumberlandsche Galerie des Schauspielhauses gewählt. Beide taugten vorzüglich für einen doppelten "Liebestod". Während Sarah Nemtsov, geb. Reuter, in "Herzland" Paul Celans tragische Pariser Liebesbeziehung als Miniaturoper für zwei Stimmen und vier Instrumente vertont, orientierte sich "Rondo" von Michael Heisch an Schnitzlers Bühnenstück "Reigen".[...].
Sarah Nemtsovs "Herzland" dauerte weniger als eine halbe Stunde. Diese aber blieb als Dreiklang von bündiger Komposition, konsequenter Regie (Katrin Beushausen) und von Benjamin Lang dirigierter triftiger musikalischer Interpretation mit Claudia Lörz und Adrian Brunner als Solisten nachhaltig in Erinnerung.
Ludolf Baucke

Deister-Leine-Zeitung 23.1.2006
"Liebestod" – große Oper ganz ungewöhnlich
[...] Nur begleitet von einer Flöte, Klarinette, Viola und Akkordeon besangen die Mezzosopranistin Claudia Lörz und der Bariton Adrian Brunner in fünf Bildern Stationen der Beziehung zwischen Paul Celan und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange, die schließlich trotz tiefer Liebe zerbricht. Die innere Zerrissenheit des Juden Celan [...] spiegelte sich in der eigenwilligen Melodik, Rhythmik und Harmonik der Musik wider. Die Besucher zeigten sich von der besonderen Inszenierung begeistert und bedachten die Künstlerinnen und Künstler mit langem Applaus.

Hannoversche Allgemeine 8.11.2002
So riecht der Herbst
Das Programm [...] endete mit poetisch inspirierter und ausdrucksvoll uraufgeführter Kammermusik von Sarah Reuter. Letztere versteht ihr Quintett "...ins Unland..." für Oboe, Violine, Violoncello, Klavier und Sprecher nicht als Vertonung von fünf Gedichten aus Paul Celans "Niemandsrose". Stattdessen versuchte sie mit zarten Reibeklängen und vielfach nur angedeuteten melodischen Figuren einen Zeitraum für An- und Nachklänge der Gedichte zu schaffen. Dieser lässt "stumme Herbstgerüche" des Dichters gestalthaft ahnen, ohne aufdringlich zu wirken.
Ludolf Baucke

Interview Sarah Nemtsov (2006) by Frans Waltmans
Interview (English)

DIE ZEIT, Sonderbeilage Kultur, April 2006
Beitrag von Sarah Nemtsov zu dem Thema: „Was hat die Globalisierung aus der Musik gemacht?“
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© 15.5.2012 by Sarah Nemtsov. e-mail: feedback@sarah-nemtsov.de