EN FACE (2018)

für großes Orchester (3.3.3.3/4.3.2.1/hrp/pno/3 perc/str 12.10.8.6.4) mit Schlagzeug solo und Schauspieler/Sprecher – zu der Erzählung „Einsamkeit“ von Bruno Schulz

Der Solo-Schlagzeuger hat auf der Bühne quasi seinen eigenen Raum. An vier, möglichst miteinander verbundenen Ständern steht und hängt sein Instrumentarium um ihn herum – zu allen vier Seiten. Seine Instrumente sind dabei vielfach Objekte und nur wenig klassisches Schlagwerk.

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Der Solo Schlagzeuger spielt nur mit den Händen! An seinen Handgelenken sind 2 Mikrophone befestigt. Durch die Schläge und Bewegungen wird somit immer in einen Klang, in ein Instrument „reingezoomt“. Die Klänge werden wie unter Mikroskop genommen. Die Verstärkung sollte stark sein, sodass auch kleinste Geräusche hörbar werden. Die Hände machen nach dem Anschlag häufig extra Bewegungen, um Resonanzen einzufangen, zu verstärken, zu rhythmisieren – etwa kreisen über dem Gong oder näher-weiter (ran-zoomen und wieder weg) oder hin und her zwischen zwei Becken. Bei Gong, Becken und Donnerblech sollte das Resultat durchaus „synthetisch“ klingen (fast wie rein elektronische Musik). Die Bewegungen sind manchmal schneller, manchmal langsamer.

 

Bild könnte enthalten: 1 Person, sitzt und Innenbereich

Programmtext (Sarah Nemtsov)

Als ich den Auftrag erhielt, ein neues großes Werk für das Philharmonische Staatsorchester Cottbus zu komponieren – als Doppelkonzert mit den Bezugspunkten Polen und Deutschland (Länderaustausch), war mir wichtig, dass diese Begegnung nicht nur an der Oberfläche stattfindet (in den Nationalitäten der Solisten), sondern dem Stück gewissermaßen eingeschrieben ist.

Mir kam der polnisch-jüdische Schriftsteller Bruno Schulz (1892-1942) in den Sinn. Sein eindrucksvolles Werk zeugt von einer ganz eigenen, bildhaften und sinnlichen Sprache (mit der häufigen Bezeichnung „polnischer Kafka“ – auch wenn es durchaus Ähnlichkeiten und Verbindungen gibt – wird ihm sein unverwechselbarer Stil eigentlich abgesprochen). Seine Texte können dabei auch im Zusammenhang mit seiner Biographie und im Kontext seiner Zeit gelesen werden (so zeitlos die Texte sind), sie sind untrennbar mit seinen persönlichen Erfahrungen und den Erfahrungen mit Krieg und Zwischenkriegszeit verbunden. Schulz lebte die meiste Zeit in seiner Geburtsstadt Drohobycz, eine kleine Stadt nahe Lwiw (Lemberg), in deren Geschichte sich die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts abbilden. Heute gehört sie zur Ukraine. Als Schulz geboren wurde, zu Österreich-Ungarn. Und zum deutsch besetzten Polen, als er starb. 1942 wurde er auf offener Straße von einem SS-Führer erschossen.

Für meine Komposition wählte ich die Erzählung „Einsamkeit“. Der Ich-Erzähler spricht über seinen jahrelangen Aufenthalt in einem Zimmer, das er nicht verlassen kann. „Wie ich aussehe? Manchmal sehe ich mich im Spiegel. Das ist komisch, lächerlich und schmerzhaft.“ Dabei hat Schulz aber keine nur ernste, düstere Sprache, zum Teil geht es ins Groteske, Absurde und eine gewisse Leichtigkeit ist da, trotz der Schwere und Ausweglosigkeit. Die Kontraste machen den Text noch intensiver. Ich wählte zwei Solisten, die einander „verzerrtes“ Spiegelbild sein sollten – als würde der eine den anderen imaginieren: Ein Schauspieler, der den Text rezitiert, an einem Tisch sitzend – und ein Schlagzeuger auf der anderen Seite. Das Schlagwerk bildet einen eigenen Raum mit Tür und Spiegel um den Schlagzeuger herum. Er ist quasi in einem Käfig, um ihn seine Instrumente und Objekte (darunter kaum klassisches Schlagwerk: vier Becken, ein Gong, ein Donnerblech, ansonsten Metallteile, Fragmente, selbstgebaute Chimes aus Schlüsseln und Glühbirnen, eine Tür, ein Spiegel, ein Fensterrahmen, Tassen, Flaschen und eine Menorah – der siebenarmige Leuchter – aus Messing, hier Symbol und Klangobjekt zugleich, mit Stein bespielt). Die Handlungsmöglichkeiten des Perkussionisten beschränken sich auf diesen Raum. Hier ist er geschützt und schutzlos zugleich. Er spielt nur mit seinen Händen, ohne Schlägel, nichts liegt zwischen ihm und den harten Oberflächen, die er schlagend, streichelnd, tastend berührt. An seinen Handgelenken sind Mikrophone befestigt – er zoomt gewissermaßen in die Klänge, in die Objekte, legt sie unters Mikroskop, lauscht mit den Händen in einer klingenden Choreografie. Die Hände machen nach dem Anschlag häufig extra Bewegungen, um Resonanzen einzufangen, zu verstärken, zu rhythmisieren – er spielt sozusagen teilweise in der Luft – Symbol auch für das Vakuum. Der Solist hat keine Schlägel (die übliche „Waffe“ eines Schlagzeugers), somit ist er auch deutlich unterschieden von den Schlagzeugern des Orchesters. Seine Hände werden Ohren, er nimmt alles überdeutlich wahr und ist darüber in seiner Intimität auf der Bühne verletzlich. Die Virtuosität ist also anderer Art, es ist eher ein innerer Raum und eine Virtuosität der Empfindsamkeit.

Der Schauspieler sitzt an einem Tisch. Auf seinem Tisch sind einige Bücher, Papier, eine Porzellantasse auf Untertasse. Ein Miniatur-Bühnenbild. Seine Sprache ist verstärkt, aber auch sein Tisch ist mit Kontaktmikro verstärkt, sodass der Schauspieler neben dem Rezitieren des Textes auch andere Geräusche macht, die sich aus seiner Rolle entwickeln. Wie der Schlagzeuger etwa zittert auch er mit der Tasse, knistert mit Papier, atmet und ist somit auch Musiker.

Ich habe die Solo-Parts für Aleksander Wnuk (Schlagzeug solo) und Jakob Diehl (Darsteller) entworfen – und sie sind mit diesen beiden Künstlern kongenial besetzt.

Das Orchester bildet eine eigenständige Größe, teils ist es Widerpart der Solisten, teils ihr Echoraum. Hin und wieder kommt es gar zum Kampf mit den Solisten, sie werden gleichsam „verschluckt“. Am Ende jedoch verlieren auch die Instrumente, das gesamte Orchester, den Boden unter den Füßen…

„Kein Zimmer ist derartig zugemauert,

daß es sich mit einer solch vertrau­ten Tür nicht öffnen ließe

— wenn nur die Kräfte reichen, ihm diese zu insinuieren.“

(Bruno Schulz)

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Uraufgeführt durch das Philharmonische Staatsorchester Cottbus

unter Leitung von Dirigent Felix Bender

mit den Solisten Aleksander Wnuk (Schlagzeug) und Jakob Diehl (Schauspieler)

am 5.4.2019 im Großen Haus / Auftrag des Staatstheater Cottbus

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Die Partitur ist verlegt bei Ricordi.

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Ricordi mit Eindrücken von der Uraufführung von Sarah Nemtsovs EN FACE für Schlagzeug solo, Sprecher und Orchester.

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