PORTRAITS

VAN MAGAZINE 10/2016
Modulieren, ohne sich um Tonalität zu kümmern – Sarah Nemtsov hat gerade einen großen Kompositionswettbewerb gewonnen. Das gibt gute Energie erzählt sie im Interview –
von Jeffrey Brown
Artikel

El Compositor Habla 2/2017
Interview (english): Sarah Nemtsov is one of the most fascinating and original voices of the current compositional scene and undoubtedly a composer worth following. We talked to her and this is what she told us.
von Ruth Prieto
Artikel

Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 06/2015
Geschichtet gegenwärtig – Zur Musik der Komponistin Sarah Nemtsov
von Martin Tchiba
Artikel

Neue Musikzeitung 03/2015
Mit Kaosspad ins Weltgestrüpp – Die Komponistin Sarah Nemtsov pflegt gut organisiertes Chaos mit analogen Mitteln
“Versucht man, sich den kompositorischen Werdegang von Sarah Nemtsov anhand ihres Werkverzeichnisses, also gleichsam aus der Vogelperspektive, zu vergegenwärtigen, sieht man sich einem imposanten Katalog gegenüber. Weit über 100 Kompositionen stehen der 34-jährigen Berliner Komponistin zu Buche, frühe Werke vor Nemtsovs Kompositionsstudien bei Johannes Schöllhorn (ab 2000) und Walter Zimmermann (ab 2005) gar nicht mitgerechnet.” von Dirk Wieschollek
Artikel

Die ZEIT 07/2015
Wie klingt die Gegenwart?
“Vier Komponisten der jüngeren Generation darüber, wie man die Jetztzeit vertont und was das mit Politik zu tun hat.”
Interview: Chrisine Lemke-Matwey und Volker Hagedorn im Gespräh mit Moritz Eggert, Isabel Mundry, Johannes Maria Staud und Sarah Nemtsov
Artikel

Der Tagesspiegel 28.11.2013
Der Stille Töne ablauschen – Die Komponistin Sarah Nemtsov wird mit dem Busoni-Preis und einem Konzert geehrt. Ein Treffen.
von Udo Bartelt
Artikel

Seiltanz 10/2014
Komponistinnen im Dialog (III): Sarah Nemtsov im Gespräch mit Svenja Weirather
Artikel

 

REZENSIONEN

 

Sacrifice (2016) – für die Oper Halle

Die ZEIT 9/3/2017 – Im Feuer des Jetzt
Es mag poetischere Opernabende geben, auch humorvollere, aber wenig arriviertere. […] Dass es in Halle funktioniert, verdankt sich in erster Linie Sarah Nemtsovs starker, absolut uneitler Musik, deren Kunstcharakter man, selbst wenn sie Björk und Bach zitiert, nach einer Weile kaum mehr wahrnimmt. Klang wird Raum wird Zeit wird Wirklichkeit. Auch Florian Lutz lässt sich zu keiner Botschaft hinreißen- außer zu derjenigen vielleicht, dass die Oper, will sie Welt verändern, bei sich selbst anfangen muss.
Christine Lemke-Matwey
Artikel

Deutschlandfunk Musikjournal 6/3/2017
“Es erhebt sich keiner der Beteiligten auf einen moralischen Podest und sagt: Ich weiß, wie es besser geht oder wie die Welt wieder schön wird. … Sarah Nemtsov fällt unglaublich, unfassbar viel ein… Über diese zwei Stunden lang wird musikalisch keine Sekunde langweilig… ungeheuer formbewusst… ein echtes Drama des Hörens, das da geboten wird… ein herausfordernder Abend für das Publikum, einer, der zum Nachdenken anregt, einer, der jedem, der diese Erotik der Klänge spürt und sich darauf einlassen will, ungeheuer viel zu bieten hat.”
Uwe Friedrichs

Die Süddeutsche Zeitung 29/3/2017 – Der Traum vom Terror
Den Schrecken des Themas fängt Nemtsovs Musik nur gelegentlich in lautmalerischen Elementen ein. Vorherrschend ist eine filigrane Kunst nahtloser Übergänge, mit denen die Komponistin die unterschiedlichsten Texturen aneinanderbindet und auseinander hervorgehen lässt. Nemtsovs Musik gestaltet einen musikalischen Dauerstrom. Es mischen sich darin Zartes und Brutales, Bedrohliches und Verheißungsvolles…
Julia Spinola
Artikel

Neue Zeitschrift für Musik 3/2017 – Welt im Fadenkreuz
Nemtsovs musikalische Sprache beruht auf komplexen Schichtungen, die sich weniger dem Prinzip Collage als einem heterogenen Organismus verdanken, mit einer sehr vielgestaltigen und ausdifferenzierten Klanggestik. Gleich im ersten Bild entfaltete sich zum raumgreifenden Sterben ein unwirtliches Klanggeschehen aus schroffen Sforzati, explosiven Tutti-Schlägen und unwirtlichen Geräuschartikulationen, die in der Verkörperung permanenter innerer Unruhe und äußerer Bedrohung weite Teile der Sacrifice-Partitur prägten. Fast alle Klangquellen waren auch im Orchester verstärkt, verzerrt oder in irgendeiner Weise manipuliert… Die schwelende Spannung dieser zerklüfteten Klanglandschaft entsprach einerseits geradezu bildhaft einer zerstörerischen und inkohärenten Wirklichkeit, führte andererseits jedoch ein beeindruckendes Eigenleben. Sie konnte unvermittelt rein elektronische Züge ausprägen und zu wuchtigem Techno mutieren oder im «Intermezzo» des dritten Akts Bach’schevaleurs wie unter Milchglas hervorbringen.
Dirk Wieschollek
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orpheus Mai-Juni 2017 – Klingende Sprachlosigkeit
Die Musik, engagiert gespielt von der Staatskapelle Halle (Michael Wendenberg), erzeugt durchgehend einen über weite Strecken atonalen Klangrausch, der elektronisch verstärkt wird. Es ist ein komplexer Raumklang, der eine ganz besondere Wirkung hat. Dies vor allem für die Vocalisen, mit denen die beiden Dschihadistinnen (herausragend Marie Friederike Schöder und Henny Tehila Goldstein) ihre Emotionen zum Ausdruck bringen. Der Text von Dirk Laucke kommt nur in jenen Szenen zur Geltung, wo die Kriegsberichterstatter über die Wirkung von Bildern und die Schamlosigkeit ihrer Vermarktung in einen kontrovers geführten Diskurs treten. Welttheater, das bis an die Schmerzgrenze führt. Man muss es aushalten können.
Herbert Henning

OMM 3/2017 – Klingende Sprachlosigkeit
Dass dabei von Lauckes Text, der als Inspiration für die Komposition wohl unentbehrlich war, das meiste auf der Strecke bleibt, wird kompensiert durch die Wucht, die Nemtsovs Musik entfaltet. Virtuos flutet sie geradezu den Raum. Sie nutzt das gesamte, von Michael Wendeberg präzise geleitete Orchester, überschreitet dabei aber auch beherzt mit Elektronik und Fantasie dessen konventionelle Klanggrenzen. In den klassischen Klang wird Quietschen, rascheln oder das Streichen über Styropor ebenso integriert wie jede Menge elektronischer Einspielungen. Die Musiker der Staatskapelle Halle machen mit souveräner Perfektion. Das über dem überbauten Orchestergraben platzierte Orchester erzeugt einen Sog, der auch jenseits der immer mal wie Blasen in der Lava hochspritzenden Worte wirkt. Und Hitze entfaltet.
Roberto Becker
Artikel

3Sat KulturZeit 6/3/2017
Bericht

Die deutsche Bühne 6/3/2017
Hier dominiert vor allem der Klangrausch, den Nemtsov entfesselt und der die Assoziationsräume öffnet in die brandaktuelle Geschichte. . […]Es ist keineswegs nur Koketterie oder ein bloßer (bei all dem Ernst hochwillkommener) selbstreferentieller Witz, wenn die Komponistin via Einblendung irgendwann ihre Ratlosigkeit zu Protokoll gibt. Was kann man tun? Was kann ich tun? So fragt sie. Und lässt ihre faszinierende, raumfüllende, keine Ausflucht zulassende, nirgends Harmonie, Schönheit oder gar wohlfeile Antworten vortäuschede Tonspur des Grundrauschens einer Welt voller Gewalt und voller Fragen immer weiterlaufen. […] Aber ein Wohlfühlabend zum Seele baumeln lassen will und soll es eh nicht sein. Ein Musiktheatererlebnis der Extraklasse ist es.
Joachim Lange
Artikel

Positionen Heft 111/2017
“Sacrifice. Reflexionsraum Identität” – Gisela Nauck über die Oper Sacrifice
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Opernwelt 3/2017
“Wir sollten nicht aufgeben” – Sarah Nemtsov im Interview über ihre Oper Sacrifice
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Mitteldeutsche Zeitung 1/3/2017
“Alles dreht sich” (Probenbericht)
Andreas Montag
Artikel

Die deutsche Bühne 12/2016
Sarah Nemtsov über ihre Oper Sacrifice
Artikel


White wide eyes
(2014) – für das Ensemblekollektiv Berlin – UA bei dem Festival Ultraschall Berlin im Januar 2015

 

Neue Zeitschrift für Musik 02/2015
Komplexe Gefüge, innen und außen … Das Berliner Festival Ultraschall mit kollektiver Energie
[…] Ein Interpretations-Labor besonderer Art verkörpert das “Ensemblekollektiv Berlin”, zu dem sich das Ensemble Adapter, das Sonar Quartett, das Ensemble Apparat und das ensemble mosaik zusammengeschlossen haben – […]. Ein Stück, das diesen Ansatz geradezu radikalisierte, war Sarah Nemtsovs white wide eyes für Ensemble, Video und Elektronik, nicht nur vom “Set-Up” her die spektakulärste Uraufführung bei Ultraschall. Nemtsov ließ die Klangkörper kollidieren, verschmelzen, ausfransen und wieder heftig aufeinanderprallen, als würde jemand im Chemielabor zum reinen Vergnügen hochreaktive Stoffe zusammenkippen. Nichts war in dieser Musik, was nicht verstärkt, verzerrt oder verfremdet gewesen wäre. Das logistische Zentrum bildete ein Sample-Keyboard, das Material aus John Cages Sonatas and Interludes, Stücke von Nemtsovs Lieblingsband Animal collective und diverses andere durcheinanderwirbelte. (Auch das Sample-Material war dabei zur Unkenntlichkeit verformt, ‘harmonisch’ jedoch mit den Instrumentalstimmen vernetzt.) Als ‘Reaktion auf unsere Wirklichkeit (dieses komplexe Gefüge, innen und außen) – außerdem als Chiffre für Urbanität’ (Nemtsov) schlug white wide eyes mit unbarmherziger Lautstärke auf den Zuhörer ein. […] elementare Kraft und bedrohliche Härte.
Dirk Wieschollek
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Neue Musikzeitung 02/2015
Alte und neue rote Fäden – Das Ultraschall-Festival stellt einmal mehr die Sprengkraft des Alten gegen neue bunte Klangspektren
Spielarten zwischen szenischem Konzert und Musiktheater sind ebenfalls eine Spezialität des Festivals – in der Adaption einer Purcell-Arie ragte Sarah Nemtsovs „Orpheus falling“ durch die Originalität der Verschränkung von Klang und Inhalt hervor – fallende Gegenstände scheppern und klirren, doch ist es hier eine Tradition, die losgelassen werden soll. Nemtsov beeindruckte auch mit dem Ensemblestück „white wide eyes“, deren Videozuspiel fixierender, verfolgender oder ausgelöschter Blicke Klängen von aggressiver Gewalt entspricht – ein würdiger Gegenpol zu Georges Aperghis nicht minder packenden „Contretemps“ mit der vorzüglichen Sopranistin Sarah Maria Sun.
Isabel Herzfeld
Artikel

 

L’ABSENCE – UA der Oper bei der Münchener Biennale 2012

 

Frankfurter Rundschau 11.05.2012
Das Ferne, das Unerreichbare
[…] Besonderes, Schwieriges, Bedeutendes wurde nun mit der Eröffnungs-Uraufführung der 13. Biennale (sie firmierte unter dem immer passenden Schreker-Motto „Der ferne Klang“) geboten. Sarah Nemtsovs Oper „L’Absence“ reibt sich an mehreren Unmöglichkeiten. Zum einen geht sie produktiv mit den formalen Prinzipien eines „postdramatischen Theaters“ um, erzählt mithin keine geradlinige Geschichte. Zum anderen handelt sie von Unerzählbarem noch in dem emphatischeren, radikaleren Sinne, dass sie jüdisches Schicksal im Zeichen des Holocaust beschwört, ohne dabei konkrete Schauplätze oder Handlungen auf die Bühne zu bringen. Die Chiffre „Absence“ scheint deutlich genug, um die Suche nach Unerreichbarem (geliebten Personen, geschützten Lebensräumen) im „Zeitalter der Angst“ zu markieren.
Sarah Nemtsovs Werk über das Jüdischsein (und die Befindlichkeit aller displaced persons in dieser Welt) macht es sich mithin noch schwerer als Mieczislav Weinbergs eindringliche, emotional aufgeladene KZ-Oper „Die Passagierin“, die vor einigen Jahren in Bregenz „entdeckt“ wurde. Die 32-Jährige Oldenburger Komponistin, Schülerin von Walter Zimmermann, stützt sich auf ausgewählte philosophisch-poetische Passagen aus dem „Buch der Fragen“ des jüdisch-französischen Autors Edmond Jabès. Sie umkreist dabei die imaginär und unerfüllt bleibende Liebesgeschichte von Sarah und Yukel, kondensiert sie in den wechselnden Gefühlszuständen von Sehnsucht, Ratlosigkeit und Verzweiflung, konterkariert sie durch den manchmal ans Grotesk-Komische reichenden Rabbinerchor und rätselhaft-surreale „Rosen“ – und Kinderstimmen.
Die Gliederung der Oper in fünf Akte deutet nicht auf einen klassizistischen Aufbau; die korrespondierenden und in einander verfließenden Szenen wirken undurchschaubar. Suggestiv bleibt in jedem Moment die Musik, die das Ferne und Unentschlüsselbare der Bühnengeschehnisse nah heranholt, es brennend der hörenden Aufmerksamkeit einschreibt. Jenseits aller konventionellen Parameter erreicht die Musik Klarheit und Kraft, eine Plötzlichkeit und Magie, die sich unmittelbar aus dem theatralischen Gegenstand zu ergeben scheinen. Stimmcharaktere, Geräusche, Instrumtalklänge (etwa das Cymbal, eigentlich ein pannonisches Folkloreinstrument) muten wie neu erfunden an.
Die Aufführung in der Muffathalle war aufs Sorgfältigste vorbereitet und gab dem anspruchsvollen Stück (knapp zwei Stunden ohne Pause) ein imponierendes Format. Das Bühnenbild von Etienne Pluss realisierte Nemtsovs Idee von Trennwänden (zwischen Männern und Frauen, Anwesenden und Abwesenden, Realität und Traum, Jetzt und Früher) optimal mit vielerlei Varianten von Transparenz und in die Publikumsreihen sich fortsetzenden Leuchtröhren. Behutsam und ohne laute Akzente die Personenführung der Regisseurin Jasmin Solfaghari. Mit einer mittelgroßen Besetzung des Bundesjugendorchesters brachte Dirigent Rüdiger Bohn die Musik Sarah Nemtsovs zu intensivem Leuchten. Die dominierenden Soloparts wurden einprägsam verkörpert – der zwischen extremen Stimmlagen changierende Erzähler-Altus (Bernhard Landauer), der stämmig-virile Yukel (Assaf Levrtin), die in eine Sängerin und eine Tänzerin aufgespaltene Sarah (Tehili Nina Goldstein, Evgenia Itkina).
Hans-Klaus Jungheinrich

Der Tagesspiegel 09.05.2012
Wir sind ja so retro
[…] Ungleich größere Reibungsflächen bietet dagegen „L’ Absence“ der Berliner Komponistin Sarah Nemtsov. Keine fortlaufende Handlung, keine Bühneneffekte, kein aktuelles Thema – und doch bewegt das Ganze. Nemtsovs Oper liegt das „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès zugrunde. … Durchaus ungewöhnlich ist auch die Rolle der Musik. So sind nicht etwa die gesanglichen Linien Träger der Expressivität, sondern vielmehr das Orchester. … Im Graben aber dominieren schrille Schreie der Holz- und Blechbläser, rohe Schläge von Perkussion und Streichern und vergegenwärtigen so die Erkenntnisschmerzen des Liebespaars. Mit beispielloser Sensibilität für das Nicht-Artikulierbare bringt Sarah Nemtsov diese Dimension ihrer literarischen Vorlage ans Licht.
Barbara Eckle
Artikel

Der Klassikkritiker 08.05.2012
MACHTLOSES WORT – Die Münchener Biennale eröffnet mit der Uraufführung von Sarah Nemtsovs „L’absence“
[…] Nemtsov ist dabei ein genauso beklemmendes wie sensibles Bühnenwerk gelungen. Sie gehört zu den ganz wenigen jungen Komponisten, die in der Lage sind, aus den Usancen des Musiktheaters Kreativität zu entfalten und in großen, durchkomponierten Szenenkomplexen zu denken […]
Jörg Riedlbauer
Artikel

Tagblatt 05.05.2012
Eröffnung mit fernen Klängen – Was macht das neue Musiktheater? Das zuständige Festival, die Münchner Biennale, startet mit einer gespenstischen Seelen-Oper von Sarah Nemtsov.
Schon in der Auftaktoper „L’absence“ von Sarah Nemtsov ist das Festivalmotto präsent: „Der ferne Klang“ ist hier der Nachhall einer Katastrophe. … Eingearbeitet in Nemtsovs Musik sind Spurenelemente aus Synagogengesängen und Klezmerrhythmen, allerdings kaum wahrnehmbar und verwoben zu einer eigenwilligen, modernen Klangsprache. Es gibt schrille Reibungen, düstere Blechakzente und heftige Schlagzeuggewitter. Prägend für die Oper sind zudem metallische Hackbrettsounds, und der im Text zitierte „stumme Schrei“ klingt in der Oboe wie ein erstickter, tonloser Klagelaut – ein besonderes Lob gilt dem hoch präzisen Bundesjugendorchester unter Rüdiger Bohn. […]
Otto Paul Burkhardt
Artikel

Neue Musikzeitung 04.05.2012
Vor und hinter der Klangmauer: „L’Absence“ von Sarah Nemtsov zum Auftakt der 13. Münchener Musiktheater-Biennale
Und dann ist da plötzlich eine zweite Oboe. Kaum merklich nimmt deren konservierter Klang per Lautsprecher mehr und mehr vom Raum Besitz. Eingespielt hat diese Stimme Sarah Nemtsov, die Komponistin des Biennale-Auftaktwerks „L’Absence“, die sich ihrem Stück somit auch als Instrumentalistin eingeschrieben hat. … So zwingend Sarah Nemtsov dieser weite musikalische Bogen gelingt, so genau formt sie immer wieder auch die Mikrostruktur. Nicht selten eröffnet sie eine Szene mit einem in der Instrumentierung genau ausbalancierten, heftigen Schlag, der das klangliche Material des Folgenden in sich zu tragen scheint. […]
Juan Martin Koch
Artikel

 

Zu dem Zyklus A LONG WAY AWAY. Passagen im Rahmen des Ultraschall Festivals 2012

 

Neue Musikzeitung März 2012
Drama, Pathos, Grenzüberschreitung – Das Berliner Ultraschall-Festival entdeckt die Inhaltlichkeit und birgt dabei überraschende Funde
Kaum aber kann die Idee sensibler umgesetzt werden als von Sarah Nemtsov in ihrem inszenierten Zyklus „A long way away“. Texte von Walter Benjamin, Marcel Proust oder „musikalische Reaktionen“ auf Bilder nach Gedichten Mirko Bonnés liegen ihm zugrunde, ohne dass ein einziges Wort gesprochen oder gesungen wird. Die Musiker sind zwar einheitlich gekleidet, eine strenge, stille Farb- und Formgebung beherrscht die Bühne der Sophiensäle, doch spektakuläre Aktionen, selbst eine Vergrößerung der Klangerzeugung, gibt es nicht. Doch dass es um Erinnerungen geht, teilt sich in jedem Ton mit, gestützt von Alltagsgeräuschen wie raschelndem Laub, das Klappern einer altmodischen Schreibmaschine, das Klirren eines auf den Boden geworfenen Schlüsselbundes. Wie Nemtsov das in ihre zarten Tupfen von präpariertem Klavier und Melodica, Harfe, Cembalo und Schlagzeug, Linien von Altflöte und Bassklarinette integriert, ist grandios, zeugt von wachem Klangsinn gerade dadurch, dass es vollkommen natürlich wirkt. Dass sich in diesen Andeutungen Dramen ereignen können, glaubt man ihr sofort. Diese Uraufführung wird zur erfreulichen Entdeckung einer zeitgenössischen Komponistin, die aller „Historie“ des Festivals standzuhalten vermag.
Isabel Herzfeld

Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 02/2012
Ausufernd konzentriert – Das 14. Festival Ultraschall in Berlin
Die vier Erzählungen aus Winfried Georg Sebalds Die Ausgewanderten (1992) bilden den programmatischen Kern von Sarah Nemtsovs Zyklus A long way away. Passagen für neun Instrumentalisten (2010/11). Abendfüllend erweitert wurde dieser Zyklus um Stücke nach Walter Benjamin, Marcel Proust und Mirko Bonné. Es handelt sich vorwiegend um Instrumentalmusik, bei der szenisch verdeutlicht wird, worauf die Musik sich bezieht: Erinnerungsbilder an die Kindheit, an die Heimat sowie Übergänge ins Land der Emigration. Die Inszenierung von Anna Peschke deutete weniger eine Handlung als Orte an — durch Requisiten wie alte Möbel, Küchengeräte, Kinderspielzeug, eine Schreibmaschine und dergleichen sowie die Bewegung der Musiker im Raum. Das Besondere der Inszenierung und vor allem an Nemtsovs Musik ist das Organische und Flexible der Verläufe sowie die wunderbare Kombinatorik instrumentaler und geräuschhafter Klänge, die sich gleichsam zwanglos natürlich und stets folgerichtig vermischen. Nichts Aufgesetztes, kein Krampf. Gut geprobt wurde dieses neue Werk vorgeführt von isländischen und deutschen Musikern des Berliner Ensembles Adapter unter der Leitung von Manuel Nawri.
Walter-Wolfgang Sparrer

Der Tagesspiegel 27.1.2012
Das Parfum der Vergangenheit.
Zauber der Orte: Ultraschall, das Berliner Festival für Neue Musik, erkundet die Grenzen des Musiktheaters.
Schritte im Laub, eine mechanische Schreibmaschine, klirrende Tassen, ein zu Boden fallender Schlüsselbund – mit vertrauten Geräuschen operiert die Berliner Komponistin Sarah Nemtsov in ihrem inszenierten Zyklus „A Long Way Away“, eine Uraufführung des Berliner Festivals für neue Musik Ultraschall 2012. Wie Signale rufen sie eigene Erinnerungen wach, seien sie auch noch so alltäglich. Erinnerung ist Nemtsovs Thema – der Prozess, der die Zeit bewegt, sie zerlegt und letztlich die subjektive Gegenwart bestimmt. Das antiquierte Mobiliar auf der Bühne der Sophiensäle, auf der sich die Musiker des Ensemble Adapter ohne den Anflug eines Rollenspiels bewegen, erinnert an das großelterliche Wohnzimmer, das Parfum der Vergangenheit noch in der Luft.
„Grenzen des Musiktheaters“ ist dieses Jahr einer der Schwerpunkte des von Deutschlandradio Kultur und dem Kulturradio vom RBB veranstalteten Festivals. Viel wird heute experimentiert in diesem Grenzbereich, selten ist das Ergebnis überzeugend. Meist scheitert es am Irrglauben, der Musiker könne auch Schauspieler sein. Und darin liegt womöglich auch das Gelingen von „A Long Way Away“: die Musiker stellen nichts dar, sondern führen nur Handlungen als Funktion der Musik aus.
Nemtsovs neuem Werk liegen Texte des Erinnerns von Proust, W. G. Sebald und Mirko Bonnés zugrunde. Aber: Kein Wort wird gesungen, kaum eins gesprochen, und doch vermitteln sich Atmosphäre und Grundgefühl der Texte durch ihre assoziative Musik- und Klangsprache direkter und vollkommener als jedes Wort es könnte. Man vergisst geradezu, dass es Musik ist.
Barbara Eckle