„ … denn nie bin ich in der Gegenwart. Wir begegnen uns immer in der Abwesenheit. Wenn Sie von sich selbst sprechen, sprechen Sie von einem Abwesenden. Sie werden ihm nie die ganze Wirklichkeit leihen können, die Sie wollen. Und so auch die Wörter: Immer sind sie im Kampf mit der Abwesenheit des Wortes, mit dem, was sie nicht sagen können. Es ist die Abwesenheit, die den Wörtern Hör- und Sichtbarkeit verleiht, die großen weißen Zwischenräume des Schweigens zwischen den Wörtern, ohne welche die Wörter unsichtbar wären.“

Edmond Jabès in Die Schrift der Wüste

Sarah Nemtsov (geb. Reuter) wurde 1980 in Oldenburg geboren. Ihre Mutter war die Malerin Elisabeth Naomi Reuter. Mit acht Jahren begann Sarah Nemtsov zu komponieren. Ab 1989 wirkte sie als Blockflötistin bei zahlreichen Konzerten und Aufnahmen des REIL-TRIOs mit. Mit 14 Jahren begann sie, Oboe zu spielen.

WERDEGANG
Von 1998 bis 2000 war Sarah Nemtsov Jungstudentin für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hannover bei Nigel Osborne. Ab 2000 setzte sie ihr Kompositions-Studium bei Johannes Schöllhorn fort, zusätzlich studierte sie Oboe an derselben Hochschule bei Klaus Becker und ab 2003 bei Burkhard Glaetzner in Berlin. Nach ihrem Diplom-Abschluss 2005 in beiden Fächern wurde sie Meisterschülerin im Fach Komposition bei Walter Zimmermann an der Universität der Künste Berlin (Meisterschülerexamen Komposition mit Auszeichnung). 2014 war sie Gastdozentin für Komposition (Schwerpunkt Musiktheater) an der Musikhochschule Köln. Im Sommersemester 2018 lehrte sie Komposition im Rahmen einer DAAD-Dozentur an der University of Haifa, Israel. 2021 wurde sie zum Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, wie auch zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin (Sektion Musik) gewählt. Ab dem Wintersemester 2022 unterrichtet Sarah Nemtsov als Professorin für Komposition an der Universität Mozarteum Salzburg.

KOMPOSITORISCHES SCHAFFEN
„Wildwuchernde Inspiration“ – so beschrieb der Deutschlandfunk die Arbeitsweise Sarah Nemtsovs. Ihr Werkverzeichnis mit über 150 Kompositionen umfasst verschiedenste Gattungen. In ihrer eigenwilligen Musiksprache verbindet sie unterschiedliche Einflüsse, von Renaissance- und Barockmusik bis hin zu Jazz und Rock. Sie gilt als „eine der gefragtesten Komponistinnen der Gegenwart“ (rbb).

Die Intensität ihrer Musik entsteht dabei auch durch die Bezugnahme auf außermusikalische Inhalte. Dazu zählen politische und gesellschaftliche Fragestellungen ebenso wie zwischenmenschliche Konstellationen. Dies zeigt sich auch in der Auseinandersetzung mit anderen Künsten und speziell Literatur. Sarah Nemtsov bezieht sich in ihren Kompositionen auf Texte von Walter Benjamin, Paul Celan, Edmond Jabès, Emily Dickinson, Virginia Woolf, E.E. Cummings oder W.G. Sebald, die ihre Musik auf inhaltliche, sinnliche und konzeptuelle Weise inspirieren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Musik ist das Ausloten der Grenze zwischen Konzert und Musiktheater, so etwa im inszenierten Ensemble-Zyklus „A LONG WAY AWAY. Passagen“ (2010-2011). Gleichzeitigkeit, Schichtungen und chaotische Formen von Kammermusik beschäftigen sie u.a. in ihrem „Briefe-“ oder „Zimmer-“ Zyklus (2012-2014), sowie in ihren neuesten Kompositionen, in denen auch der Elektronik eine große Bedeutung zukommt. In mehreren Kompositionen widmet sie sich politischen und sozialen Fragen (etwa mit ihrer Oper „Sacrifice“, Video-Kollaborationen „RED“ oder „Mountain & Maiden“, sowie mit Projekten wie „Roses for my funeral“ oder „Mekomot“).

PREISE UND AUSZEICHNUNGEN
Sarah Nemtsov erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. 2012 den Deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie Nachwuchsförderung und 2013 den Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste Berlin. 2016 gewann sie den Kompositionswettbewerb RicordiLAB des Ricordi-Verlags und 2018 erhielt sie den Oldenburger Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik. In der Spielzeit 2014/2015 war Sarah Nemtsov Composer-in-Residence am Theater Erfurt. Zudem war Sarah Nemtsov Stipendiatin der Villa Serpentara (2011) und der Studienstiftung des deutschen Volkes (2003-2007). 2020 war sie beim Opus Klassik Preis als “Komponistin des Jahres” nominiert. 2021 wurde sie sowohl als Mitglied in die Sächsische Akademie der Künste aufgenommen, als auch als Mitglied der Sektion Musik der Akademie der Künste Berlin gewählt.

FESTIVALS
Sarah Nemtsovs Werke werden bei international renommierten Festivals aufgeführt, wie den Donaueschinger Musiktagen (2011 und 2018), den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt (2014 und 2018), der Münchener Biennale (2012), dem Straßburger Festival Musica, ECLAT, Ultraschall Berlin, MaerzMusik, Holland Festival, den Bregenzer Festspielen, Wien modern, Klangspuren Schwaz, Israel Festival, dem SPOR Festival oder KLANG in Dänemark, Huddersfield, FRUM Island oder dem ISCM World New Music Festival. 2022 widmen sich gleich zwei Portraitfestivals ihrem Schaffen: Les Amplitudes in der Schweiz, sowie w e i t – Weingarten.

ENSEMBLES UND INTERPRET*INNEN
Eine enge Zusammenarbeit verbindet sie mit dem Ensemble Adapter, darüber hinaus arbeitet Sarah Nemtsov mit zahlreichen weiteren Ensembles, Orchestern und Musiker*innen zusammen, u.a. mit dem Ensemble Musikfabrik, Klangforum Wien, ensemble mosaik, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, ensemble modern, Ensemble InterContemporain, WDR Orchester, HR Sinfonieorchester, Deutsches Sinfonieorchester Berlin, RSO Wien, Tonhalle Zürich Orchester, Konzerthausorchester, Basel Sinfonietta, Solistenstenensemble Kaleidoskop, ensemble recherche, Ensemblekollektiv Berlin, Ensemble Meitar, Nikel ensemble, Decoder Ensemble, Phace, Black Page Orchestra, Ensemble Garage, Oh-Ton-Ensemble, Ensemble Lux:NM, Ensemble Accroche Note, l’instant donné, Diotima Quartett, Sonar Quartett, Asasello Quartett, Nomos Quartett, Trio Boulanger, sowie mit dem Finnischen Barockorchester. Sie arbeitet mit Dirigent*innen zusammen wie Joana Mallwitz, Baldur Brönnimann, Michael Wendeberg, Jonathan Stockhammer, Peter Rundel, Johannes Kalitzke, Emilio Pomárico, Titus Engel, Evan Christ, Manuel Nawri oder Ilan Volkov.

BÜHNENWERKE
Sarah Nemtsovs Kammeroper „Herzland“ wurde 2006 in Hannover uraufgeführt und 2009 in einer Neuinstrumentierung in München vom Orchester Jakobsplatz präsentiert. 2011 zeigte die Bayerische Staatsoper eine Neuinszenierung. Ihre abendfüllende Oper „L’ABSENCE“ (2006-2008) nach dem „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès wurde im Mai 2012 bei der Münchener Biennale uraufgeführt. Ihre neueste Oper „SACRIFICE“ (2016) hatte im März 2017 am Theater Halle Premiere und erhielt große Resonanz – „Klang wird Raum wird Zeit wird Wirklichkeit“ schrieb DIE ZEIT, einen „bewegenden Opernabend“ nannte es die Süddeutsche Zeitung, „Musiktheatererlebnis der Extraklasse“ die deutsche Bühne. 2022 fand im Rahmen der Ruhrtriennale ihr Zyklus “HAUS” inszeniert Einzug in die Turbinenhalle Dortmund – “Ein von der Kette gelassener Klangrausch, der Assoziationsräume öffnet” (so die nmz). Im Mai 2023 wird am Saarländischen Staatstheater ihre neueste Oper – „OPHELIA“ (2020-2022) zu einem Libretto von Mirko Bonné – Premiere haben. Derzeit arbeitet Sarah Nemtsov u.a. an einer weiteren Oper – „WIR“ (nach Jewgeni Samjatin) – die Uraufführung ist für 2024 an der Oper Dortmund geplant.

EINSPIELUNGEN
In der Reihe Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats erschien 2012 das Portrait-Album „A LONG WAY AWAY. Passagen / Hoqueti“. Im Februar 2018 erschien ein weiteres Portrait-Album bei Wergo, „amplified imagination“, Interpreten sind das Ensemble Adapter, das Sonar Quartett und das ensemble mosaik. Ihre Komposition „Journal“ wurde zuletzt vom Ensembles Ensemble Lux:NM eingespielt (2016, Genuin records – die Einspielung wurde auf der Longlist 2017 des Preises der deutschen Schallplattenkritik genannt). Zudem liegen Aufnahmen ihrer Werke „beyond its simple space“ (für Cembalo, Barockorchester und Elektronik), sowie „running. out of tune“ (für 2 Cembali, 2019, Finnish Baroque orchestra, FIBO records), „Zwanzig Skizzen“ (2008, Hännsler Classic) und „Briefe – Heloisa“ (2013, Genuin records) vor. Weitere CDs sind in Vorbereitung.

PROJEKTE
Sarah Nemtsov lebt in Berlin. Mit ihrem Mann Jascha Nemtsov hat sie im Mai 2015 den „Raum für Kunst und Diskurs“ eröffnet – ein offener Ort zum Austausch zwischen Künsten und Wissenschaft – für verschiedene Veranstaltungen, Konzerte, Diskussionen und Ausstellungraum für das Werk und Archiv der Malerin Elisabeth Naomi Reuter. Als Künstlerische Leiterin und Komponistin initiierte Sarah Nemtsov das Projekt „MEKOMOT“ (2015-2016) – eine Konzerttournee mit zeitgenössischen Kompositionen und alten jüdischen Gesängen durch ehemalige Synagogen in Deutschland und Polen. Außerdem entwickelte sie mehrere weitere Projekte, etwa mit dem Ensemble Adapter und dem Autor Finn-Ole Heinrich das LiveMusikHörBuch „Helm auf“ (2015) für Menschen ab 10.

DOWNLOAD: Biographie Sarah Nemtsov (deutsch)
DOWNLOAD: Biography Sarah Nemtsov (English)

OBOE
Als Oboistin gewann Sarah Nemtsov erste Preise bei verschiedenen nationalen Wettbewerben, wie z.B. beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ 1999 (1. Preis Bläserquintett) und 2000 (1. Preis Oboe solo). Ebenfalls 2000 bekam sie einen Sonderpreis des Hannoverschen Künstlervereins. Beim “Hanns-Eisler-Preis für Komposition und Interpretation Zeitgenössischer Musik 2007” wurde sie außerdem als Oboistin mit einem Sonderpreis für die Interpretation eines eigenen Werkes ausgezeichnet. Sarah Nemtsov gab Konzerte im In- und Ausland als Solooboistin und Mitglied verschiedener Kammerensembles, z.B. im Duo mit ihrem Mann, dem Pianisten Jascha Nemtsov. Seit 2007 konzentriert Sarah Nemtsov sich ausschließlich auf die Komposition.


Sarah bei einem Konzert mit dem Reiltrio 1989; Ilse Reil und Sarah (Reuter), Blockflöten; Hermann Dick, Cembalo


Bilder auf dieser Website
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Elisabeth Naomi Reuter (1946-2017) wurden mehrere ihrer Werke bei der Gestaltung dieser Website verwendet.